Aufsatz 
Lucian in der Literatur und Kunst der Renaissance / von Paul Schulze
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Über das Leben des Lucianus von Samosata sind nur dürftige, unzusammenhängende Nachrichten, die der Mehrzahl nach seinen eigenen Schriften entstammen, auf uns gekommen. Dennoch hat die Kritik vermocht, den äußeren Rahmen seines Lebens auch nach der zeitlichen Grenze festzustellen. Denn durch die zahlreichen Beziehungen auf berühmte Rhetoren seiner Zeit, wie Herodes Attieus und Julius Pollux, und auf Philosophen jeder Schule sowie durch mehrfache Anspielungen auf den Partherkrieg des L. Verus(vom Jahre 162-165) ist zunächst die Tatsache außer Zweifel gestellt: Lucians Blütezeit fällt in die Regierung der Antonine, seine Geburt in die Hadrians.

Der äußere Verlauf seines Lebens war nach den eigenen Angaben in kurzem folgender.

Geboren etwa um 120 n. Chr. im syrischen Samosata am Oberlauf des Euphrat und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, war Lucian anfangs für den Beruf eines Steinmetzen bestimmt, dem sein Oheim mit Geschick oblag. Aber durch einen Traum belehrt, entsagte er dem Handwerk, um sich ganz dem Studium der Beredsamkeit zu widmen, insbesondere dem yEvos&möeintinöv', der rhetorischen Prunkrede, wie sie damals an allen größeren Bildungs- stätten des hellenisierten Asiens gelehrt wurde. Gleichzeitig muß er auch in die philosophischen Systeme der Zeit eingeführt sein, namentlich in das der jüngeren Skepsis, und sich eingehende Kenntnis der alten Dichter erworben haben, so des Homer und Hesiod, der attischen Tragiker und Komödiendichter, deren Worte er schon in einzelnen Jugendschriften mit Vorliebe zitiert oder parodiert hat. Nachdem er kurze Zeit Anwalt in Prozessen, wie es scheint im syrischen Antiochia, gewesen, ist er als wandernder Rhetor durch Jonien und Griechenland nach Italien, ja selbst bis nach Gallien gelangt. Das Ende seiner Wanderschaft fällt um das Jahr 165, da er als gereifter Mann in Athen sich niederließ.

In dieser Stadt, die noch immer ein geistiger Mittelpunkt der damaligen Kulturwelt war, hatte soeben der Philosoph auf dem Kaiserthrone, M. Aurelius Antoninus, die Lehrstühle der hervorragenden Philosophenschulen neu besetzt. Unter dem anregenden Einfluß athenischer Geistesbildung hat auch Lucian gestanden, und in der Stadt des Perikles sind die Schriften seiner höchsten künstlerischen Reife, wie derAlexander oder Lügenprophet', derOharon,Timon', Gallus,die Philosophenauktion undder Fischer, verfaßt und veröffentlicht worden. In höheren Alter hat er dann, vermutlich durch seine Vermögensverhältnisse gezwungen, noch einmal zum Wanderstabe gegriffen und durch Deklamationen und Vorlesungen um den Beifall des Publikums geworben, bis er, wohl auf die Empfehlung eines römischen Großen, mit einem Staatsamt in Ägypten betraut wurde. Nach seinen eigenen Worten muß er Leiter öffentlicher Gerichtsver- sammlungen, wie Sommerbrodt es nennt, eine Art Gerichtsdirektor gewesen sein, wozu ihn die Kenntnis des gesamten Gerichtswesens, die er als Rhetor sich zu eigen gemacht, ohne Zweifel befähigte. Daß er den Regierungsantritt des Kaisers Commodus, das Jahr 180, noch erlebt hat, ist zwar ausdrücklich nicht bezeugt, aber daraus mit grober Wahrscheinlichkeit zu erschließen, daß er sich selbst mehrmals einen Alternden, einen Greis genannt hat.

Lucian war kein Reformator auf dem Gebiete der Philosophie oder Religion, aber er hat, wie ich im Anschluß an die scharfsinnigen Darlegungen von Ivo Bruns!) früher nachgewiesen zu haben glaube, einen planmäßigen Kampf geführt gegen die verkehrten Richtungen der Philosophie sowie gegen den Aberglauben seiner Zeit und die Auswüchse der Mantik. Nicht den alten Meistern der Philosophie gilt sein Spott hat er doch gerade ihnen imFischer eine bewußte Ehrenerklärung gegeben, sondern ihren eitlen, mit leerem Schein-

1) Vgl. Rhein, Mus. B. 43, S. 86101, 163196 u. B. 44, 8. 374 ff., ferner meineBemerkungen zu Lucians philosophischen Schriften, wissenschaft]. Beilage des Programms des Herzog]. Friedrichsgymnasiums, Dessau 1891.