Erstes Capitel.
Von der Gliederung des Distichons.
Wir betrachten das Distichon nicht sowohl nach seinen 2 Versen, als nach seinen 4 Reihen: I bis zur Cäsur(Hauptcäsur), II bis zum Schluss des Hexameters, III die erste IV die zweite Hälfte des Pentameters. Es ist uns nun für dieses erste Capitel die doppelte Aufgabe gestellt, zu zeigen, dass sich 1) das Distichon ohne Schwierigkeit in diese 4 Glieder zerlegen lässt und 2) dass und wie sich diese 4 Glieder zu einem Ganzen von einheitlichem Charakter zusammenschliessen.
Ob es gerathen ist, die aufgestellte Gliederung zur Grundlage metrischer Forschung Sonderung zu nehmen, muss sich zeigen, wenn vir am Ende unserer Bemerkungen angelangt sind; hier der Glieder- kommt es nur darauf an, ob es überhaupt möglich ist, die Glieder aus dem engeren Verbande der Verse als metrisch abgeschlossene Theile loszulösen. Von vornherein ist einleuchtend, Metrisch. dass die Strophe beim Lesen sich von selbst in eben diese 4 Abschnitte zerlegt, am Ende eines jeden machen wir cine Pause. Diese innere Nothwendigkeit musste den Dichter zwingen, an cben den 4 Stellen einen Ruhepunkt zu gewäühren und die 4 Theile in gewissem Sinne zu abgeschlossenen Gliedern zu machen. So kann man getrost die Behauptung aufstellen, dass jedes Distichon, in welchem sich unsere Gliederung nicht von selbst und zwanglos ergieht, fehlerhaft gebaut ist, natürlich soweit nicht etwa die Vernachlässigung der Regel vom Dichter gesucht erscheint. Und in der That gehören derartige Disticha zu den sehr seltenen Aus- nahmen. Zunächst erinnere ich mich nur eines Distichons, in welchem der Hexameter eine Cäsur überhaupt nicht hat: Prop. III, 9, 11.*) Auch solche Verse sind sehr selten, in wel- chen das erste Glied durch Elision in das zweite so hinüberreicht, dass die Cäsur hinter ein einsilbiges Wort, welches schon zum zweiten, oder vor eine Silbe trifft, welche noch zum ersten Gliede gehört. Verhältnissmässig häufiger findet sich dies im Hexameter als im Pentameter, da in letzterem die beiden Glieder unvermittelt neben einander stehen. Im Hexameter habe ich folgende V. mit Plision in der Hauptcäsur gefunden: Cat. 67, 31(non solum hoc),
35(de Postumio ct); 68, 89(Sepulſerum Asiac): 77, 1(frustra ac); 76, 25(opto et); 90, 3(ex matre et); 100, 1(Aufilenum et), 3(sororſem. hoc); 107, 5(cupido atſdue); Prop. P 18, 1 (locã et), II, 1, 27(Mutinam aut); 3, 31(nobisccuni humana); IV, 1, 29(Helenumſqué et); 2,
* L. Müller(de re metrica p. 196 f) bestreitet mit Recht die Ansicht Lachmanns, wonach es eine richtige Cusur sein soll, wenn da, wo die Cüsur stehen sollte, ein Wortanfang sich ündet, welcher mit der vorher- gehenden Silbe durch Elision verschmilzt, wie in obigem Verse:
Quam modo felicem invidia admirante ferebant.


