— 13—
Kaiſer einen Reichstag nach Speier 1529, dem er aber, noch immer aus Deutſchland entfernt, wiederum nicht ſelbſt beiwohnte. Hier wurde durch die Mehrheit der Stimmen die Aufrechthaltung des für die Evangeliſchen höchſt nachtheiligen Wormſer Edicts und das Verbot jeder Neuerung beſchloſſen. Gegen dieſen Be⸗ ſchluß trat vor allen Anderen der Landgraf in die Schranken. Er ſprach der Mehrheit das Recht ab, Beſchlüſſe zu faſſen, die ſo tief in die inneren Landesangelegenheiten der Minderheit ein⸗ griffen. Der Kurfürſt von Sachſen, der Markgraf Georg von Brandenburg, der Herzog Ernſt von Lüneburg und der Fürſt Wolf⸗ gang von Anhalt traten ſeiner Anſicht bei und erklärten am 19. April, daß ſie des ernſten Willens ſeien, das angefangene Werk der Reformation fortzuſetzen, indem ſie ſich nicht für verpflichtet erachteten, ohne ihre Mitbewilligung die Aufhebung des früheren Speierer Abſchiedes anzuerkennen; das Vorhaben der Mehrheit, den⸗ ſelben einſeitig aufzuheben, ſei machtlos, nichtig und unverbindlich; ſie würden fortfahren, nach dem Inhalte des Abſchiedes vom Jahr 1526 mit ihren Unterthanen in Hinſicht der Religion ſich ſo zu verhalten, wie ſie es gegen Gott und den Kaiſer zu verantworten gedächten. Dieſer Erklärung ſchloſſen ſich die Abgeordneten der 14 Reichsſtädte Straßburg, Ulm, Nürnberg, Coſtnitz, Lindau, Mem⸗ mingen, Kempten, Nördlingen, Heilbronn, Reutlingen, Isny, St. Gallen, Weißenburg und Windsheim an, und da man ihnen ver— weigerte, ihre Proteſtation, von welcher die Benennung Pro⸗ teſtanten herrührt, in den Neichstagsabſchied einzurücken, ſo beſchloſſen ſie, dieſelbe für ſich öffentlich bekannt zu machen. Der Landgraf that dieß zuerſt ſofort nach ſeiner Rückkehr am 5. Mai. Fruchtlos blieb auch eine Geſandtſchaft an den Kaiſer, der ſich damals in Italien befand und die Abgeordneten wegen des Un⸗ gehorſams der evangeliſchen Stände höchſt ungnädig anließ. Fürs Erſte war aber doch die Unterbrechung des friedlichen Zuſtandes nicht zu beſorgen, und dieſe Zeit der Ruhe gedachte der Landgraf zu einem Verſuche zu benutzen, deſſen glücklicher Ausgang ihm ſehr am Herzen lag. Mit Betrübniß erfüllte ihn nämlich der Streit, welcher ſich zwiſchen Luther und Zwingli, beſonders über die Abendmahlslehre, erhoben hatte, und da er die Wichtigkeit eines vereinten Handelns erkannte, ſo war es ſein ſehnlicher Wunſch, dieſer Spaltung der Proteſtanten ein Ende zu machen und eine brüderliche Ausgleichung ihrer widerſtreitenden Anſichten nach Kräften zu befördern. Zu dieſem Zwecke lud er noch in demſelben Jahre die beiden Reformatoren zu ſich nach Marburg ein. Der weiten Entfernung ungeachtet erklärte ſich Zwingli ſofort und freudig dazu bereit, Oekolampadius, Bucer und Hedio ſchloſſen ſich ihm an, auch Luther erſchien, von Melanchthon und Juſtus Jonas begleitet. Außerdem fanden ſich


