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anheimfällt. Insbesondere hat die Schule. zumal das Gymnasium, unter dieser Zeitkrankheit zu leiden. Selbst wohlmeinende und gebildete Zeitgenossen scheuen sich nicht, im schrankenlosen Subjektivismus über Einrichtungen und Erfolge der Schule abzuurteilen, ohne durch Erfahrung dazu berechtigt zu sein. Diesen falschen Propheten gegenüber vertraue ich auf den gesunden Sinn unserer Jugend, dass sie sich nicht berücken lässt von den gleisnerischen Reden der mo- dernen Sophisten, sondern dass die Hoheit der grossen Alten immer wieder ihre herzenbe- zwingende Macht auch bei ihr bethätigen wird. Erhaltet Euch vor allem die Fähigkeit, zu staunen und zu bewundern. Wer die Gabe sich bewahrt, wahrhaft Grosses zu erkennen und zu verehren, der ist bildungsfähig, weil er bildungsbedürftig ist; nur der ist für Höheres ver- loren, wer im Getriebe des Alltagstreibens verlernt hat, den Blick zu den Sternen zu erheben. Sursum corda, die Herzen hoch; so muss das erste Gebot der Erziehung lauten. Alles, was göttlich, gross und erhaben ist, eignet sich als Stoff und Mittel des Jugendunterrichts. Daher zuerst der Religionsunterricht, der die Geschichte und die Lehren des Christentums der künf- tigen Generation vermittelt, der sich nicht nur an den Verstand, sondern auch an das Herz und die Willenskraft der Schüler richtet. Der grosse Reformator Martin Luther, dessen Bildnis in dieser Stunde auf uns herabsieht, hat selbst einmal gesagt, dass er sich nichts Lieberes wünschte, wenn er nicht gerade Theologe wäre, als Lehrer zu sein. Und wie der Religionsunterricht uns mit der himmlischen Heimat bekannt macht, so der Unterricht im Deutschen, in der Geschichte und Geographie mit unserem irdischen Vaterlande. Wir leben ja in den Tagen hochgespannten Nationalgefühls. Aber viel wichtiger, als rauschende Feste und leidenschaftliche Aufwallungen, ist die sichere und gründliche Kenntnis vaterländischer Sprache und Dichtung, vaterländischer Geschichte und Geographie. Nur wer die grosse Vergangenheit unseres Volkes kennt, wird seine Gegenwart zu beurteilen vermögen, wird seine Zukunft vorbereiten können. So entzündet sich, als weitere Bethätigung der pietas, die Vaterlandsliebe, die nicht wie ein loderndes Feuer ver- zehren oder blenden, sondern wie eine verborgene Flamme erwärmen und beleben soll. Das Vaterland kann aber nur lieben, wer die Seinigen liebt; denn aus der Familie ist der Staat erwachsen, ohne die Heiligkeit der Familie, ohne die sittliche Gemeinschaft des Hauses zerfällt er wieder. Und daher ist es wohl verständlich, dass die Feinde des nationalen Staates zugleich auch die Feinde des christlichen Hauses sind. Gegen sie giebt es kein besseres Schutzmittel als die pietas, die Gott und König, Eltern und Geschwister, Freunde und Lehrer gleich umfasst. Ja, auch die Lehrer. Es ist kein Zeichen edler Gesinnung, wenn jemand den Lehrern seiner Jugend den Dank vorenthält; freilich ist es auch kein Beweis echter Berufstreue, wenn ein Lehrer der ihm anvertrauten Jugend nicht Liebe entgegenbringt. Nicht Gerechtigkeit, wie die Jugend oft wähnt, sondern Liebe ist die Seele der Erziehung; in ihr zeigt sich die pietas, die der Lehrer dem Schüler schuldet.
So wünsche ich mir Euch, liebe Schüler, als sapientes, eloquentes, vor allem als pii. Zur Erreichung dieses Zieles nach besten Kräften beizutragen, wird mein ernstliches Bemühen sein. Aber allein es zu erreichen, dazu bin ich nicht imstande, dazu bedarf es nächst Gottes Segen, an dem alles gelegen, gar mannigfacher Hülfen und Voraussetzungen. Zunächst wende ich mich an Sie, hochverehrter Herr Geheimrat, und danke Ihnen herzlichst für die gütigen Worte, mit denen Sie mich hier wie auch schon früher in der Provinz Hessen willkommen ge— heissen haben. Ich verspreche Ihnen den Einsatz meiner rüstigen Arbeitskraft und erbitte mir dafür Ihre gütige Unterstützung durch Rat und That. Es soll mir jedesmal eine Freude sein, Sie hier zu begrüssen, um mich Ihres aus reicher Erfahrung geschöpften Rates zu erfreuen. Sodann ist es mir angenehme Pflicht, Ihnen, meine hochgeehrten Herrn, für die freundliche


