Aufsatz 
Sapiens atque eloquens pietas : (Antrittsrede des Direktors) / [Friedrich Aly]
Entstehung
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entlegene und doch nicht abgebrauchte Themata werden von einem normalen Schüler stets willig bearbeitet werden. Bei ihnen kommt es nie auf Schmuck der Rede, auf einen blumen- reichen Stil an, sondern auf Schlichtheit und Angemessenheit des Ausdrucks, dessen schlimmster Feind die Phrase ist, jenes Spielen mit Worten, deren Bedeutung man nicht versteht. Niemand hat besser über die Erfordernisse eines guten Stils geurteilt, als der so oft mit Unrecht geschmähte Cicero. Sprachrichtig, klar und angemessen soll der Ausdruck sein, so wie er es von Cäsar rühmt, seine Schriften sind schmucklos, richtig und doch anmutig. Freilich ist der Genius der deutschen Sprache ein anderer, als der des Latein, wie nach der Verschiedenheit des Volks- charakters nicht anders zu erwarten ist. Aber gleichwohl können wir aus Ciceros rhetorischen Schriften gar viel für unsern eigenen Stil lernen, vor allem die Notwendigkeit einer syste- matischen und sorgsamen Pflege unsers Ausdrucks in Wort und Schrift. Hierin sind uns auch die Franzosen weit überlegen. Ich bewundere aufrichtig die Klarheit und Gewandtheit der besseren französischen Schriftsteller, ihre Gabe, scharf zu beobachten und plastisch zu gestalten, und erachte daher die Lektüre grade der neueren Erzähler französischer Zunge für sehr erspriess- lich auch im Interesse der deutschen Stilbildung. Wir haben kaum ein Buch in der deutschen gelehrten Litteratur, das sich mit Boissiers Cicero vergleichen liesse, kaum einen Erzähler, der an Daudets Kunst heranreicht. Und noch schlimmer als mit dem Schreiben steht es mit dem Reden unserer Jugend. Nur fortwährende UÜbung wird es dahin bringen, ihr die Zunge zu lösen, be- sonders im Geschichtsunterricht, wo nicht bloss gefragt und geantwortet, sondern auch im Zu- sammenhang vorgetragen werden muss, wie auch im Deutschen beim Bericht über die Lektüre oder bei der Darstellung von Lebensbildern. Nur so wird es gelingen, jene klägliche Unfähig- keit zu verringern, der man heute so oft im öffentlichen Leben begegnet, der Unfähigkeit, seine Gedanken klar und zusammenhängend, ohne Prunk, aber gefällig darzulegen. Daher sind auch freie Vorträge, zum wenigsten auf der obersten Stufe, nicht zu vernachlässigen, die im Anschluss an die nachgoethische Litteratur dazu dienen, dem Vortragenden die Befangenheit zu mindern und die Herrschaft über die Sprache zu sichern.

Aber Denken und Sprechen thut es nicht allein. Schon Sokrates soll einmal gesagt haben, dass die Jünglinge die besten im Kampfe gewesen seien, die die Götter am schönsten im Reigentanz geehrt hätten. Zum sapere und eloqui gesellt sich als Drittes das pium esse, die Frömmigkeit, wie wir zunächst übersetzen. Denn so eigentlich deckt sich der Begriff der pietas nicht mit unserer Frömmigkeit. Dieser Begriff gehört zu denjenigen, die in einer fremden Sprache nie den entsprechenden Ausdruck finden können, wie etwa unser deutsches Gemüt oder das französische esprit. Am ehesten entspricht der pietas unsere Treue; denn sie bezieht sich nicht nur auf den Götterglauben, sondern auf alles, was uns Ehrfurcht und Dankbarkeit abnötigt, auf Eltern, Kinder, Freunde, Vaterland. Wer allen diesen sittlichen Verpflichtungen gewissenhaft nachkommt, der ist in den Augen des Römers pius, wie der Nationalheld Aneas, der den greisen Vater aus den Flammen trug, den Befehlen der Götter unweigerlich folgte und seines Volkes Wohl und Ehre wie das Glück der Seinigen schützte. In diesem Sinne gilt die pietas uns als höchstes Ziel der Gymnasialbildung: treu dem barmherzigen Gotte, der uns wie ein Vater be- hütet, treu dem Kaiser und König, der des Vaterlandes Ehre wahrt, treu den lieben Eltern, die uns von Kindesbeinen an gehütet, treu den Geschwistern und Freunden, treu aber auch den Geistlichen und Lehrern, denen das Wohl der ihnen anvertrauten Jugend oberstes Gesetz ist; so wünsche ich mir die lernende Jugend, die ich vor mir sehe. Freilich weiss ich sehr wohl, dass unter den vielen Gebrechen unserer Zeit keines verbreiteter ist als die Pietätlosigkeit, die in plasierter Selbstgefälligkeit die Ehrfurcht vor dem Heiligen verlernt und einem öden Nil admirari