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kalischer Analyse, d. h. mit Verständnis jeder Form und jeder Vokabel, wird die Lektüre der grossen Alten wirklich fruchtbar und segensreich. Ihre schönste Frucht zeigt sich im deutschen Aufsatz, wo die Denkkraft des gereiften Schülers den Dank dafür abstattet, was sie bei Römern und Griechen gelernt hat. Und dazu reihe ich an dritter, aber nicht an letzter Stelle die Mathematik, jene wunderbare Wissenschaft, von der ein Plato gesagt hat, dass kein wahrhaft Gebildeter ihrer entraten könne. Wenn ich um Eins die heutige Jugend beneide, so ist es der grosse Fortschritt, den die Lehrkunst gerade auf diesem Gebiete errungen hat. Ich habe es stets mit Freuden begrüsst, dass in der Mathematik weit mehr, als es früher der Fall war, die Mehrzahl der Schüler das Ziel erreicht. Ist sie doch auch eine griechische Wissenschaft; sind doch Pythagoras, Euklid, Ptolemäus die ersten grossen Mathematiker gewesen. Was giebt es denn, worin das glänzend begabte Volk der Hellenen nicht bahnbrechend oder pfadfindend voran- gegangen wäre?
So deute ich das sapere Sturms. Aber der sapientia gesellt er die elocutio zu, die Fertigkeit, zu reden und zu schreihen, was einer denkt. Sturm meinte freilich: in lateinischer Sprache, die damals die Sprache der Gebildeten war. Lange haben sich der lateinische Aufsatz, das Lateinsprechen sowie die Versübungen gehalten, und es waren, wie ich aus eigenster Er- fahrung versichern kann, heilsame und fruchtbare Übungen. Indes habe ich ihrem Wegfall keine Thräne nachgeweint; sie waren in dem Augenblick veraltet, wo das Latein aufhörte, die Sprache der Gebildeten zu sein. Jetzt ist das Deutsche in den Mittelpunkt unserer Studien ge- stellt, wie es denn schon längst die Unterrichtssprache gewesen ist. Und in dieser unserer Muttersprache eine fliessende und gebildete Ausdrucksweise sich zu erwerben, gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Gymnasiums. Diese Gabe ist uns Deutschen nicht in die Wiege gelegt worden;, weit weniger, als den beredteren Romanen, und gerade in unserer Zeit scheint die Fähigkeit der fliessenden Rede immer spärlicher zu werden. Und doch leitet schon die ele- mentare Vorschule das Kind an, die Antworten stets in Satzform zu geben. Und doch wird auf allen Stufen des Gymnasiums viel vorgetragen, stets übersetzt. Aber der formlose Sinn der Deutschen, der sich gar zu gern gehen lässt, setzt allem Unterricht hartnäckig Widerstand ent- gegen, schon in der Aussprache. Man kann ruhig sagen, dass keine Sprache der Welt von ihren Trägern so nachlässig ausgesprochen wird, wie das Deutsche, dessen herrlichen Klang uns Schillers und Goethes Werke offenbart haben, nachdem Luther uns unsere Prosa, Klopstock unsere Poesie begründet hat. Wir streben im französischen Unterricht die feinste Aussprache an und wagen ordentliche Turnerkunststücke mit der Zunge. Sollte es nicht billig sein, auf das Aussprechen der Muttersprache die gleiche Sorgfalt zu verwenden? Neuerdings ist ein Versuch gemacht, die Richtigkeit unserer Aussprache festzustellen; ich hoffe, dass man in diesen Be- strebungen nicht ermattet und unsere Provinzialismen unter sorgfältiger Schonung der echten Dialektformen energiseh bekämpft. Aber noch schlimmer steht es um die schriftliche Aus- drucksweise. Was die heillose Zuchtlosigkeit der Tageszeitungen angerichtet hat, haben uns Schröder und Wustmann in ihren hübschen Büchern gezeigt, Schriften, die jeder Primaner ge- lesen haben muss. Die Schule kann da viel thun, jedenfalls mehr als bisher. Zunächst muss sie die schöne Sitte der Vorschule, in Sätzen zu sprechen, noch lange beibehalten; dann bieten die stets sich wiederholenden UÜbersetzungen aus den fremden Sprachen Gelegenheit in Hülle und Fülle, die Wahl guter, aber schlichter deutscher Ausdrücke zu pflegen und jenes entsetzliche UÜbersetzungsdeutsch zu bekämpfen, das man uns Philologen nicht mit Unrecht oft vorgeworfen hat. Vor allem aber ist der deutsche Aufsatz das gewiesene Mittel, das Auffinden des angemessenen Ausdrucks für klare und zusammenhängende Gedanken zu üben. Nicht zu


