Aufsatz 
Sapiens atque eloquens pietas : (Antrittsrede des Direktors) / [Friedrich Aly]
Entstehung
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sondern Sturms Wahlspruch mit einander näher betrachten und ihn zu eigener Belehrung und Mahnung verwenden. Er strebte drei Ziele an: das sapere, eloqui, pium esse. Mit einer kleinen Abänderung können wir uns diese Losung auch für unsere Zeit aneignen, indem wir das sapere im engeren Sinn, allerdings in Abweichung von Sturm, als Übung des Denkvermögens verstehen. Also: Denken, Reden, Frommsein oder die denkende und beredte Frömmigkeit, sie ist auch heute Ziel und Aufgabe unsers Gymnasialunterrichts.

Unserer Fächer sind viele, sie sind historisch geworden und haben ein jedes ihr Xαυοιαασαα, ihre Gnadengabe, ihren erziehlichen Wert. Aber wir könnten das eine oder andere uns weg- denken, ohne das Wesen des Gymnasiums zu gefährden. Nur zwei können wir nicht missen, wenn wir nicht den Begriff des humanistischen Gymnasiums aufheben wollen, die alten Sprachen, denen sich als drittes Hauptfach die Mathematik anreiht. Warum lehren wir Latein und Griechisch? Es sind Euch gewiss, liebe Schüler, Stimmen in der Offentlichkeit entgegen getreten, die die Notwendigkeit dieses Unterrichts mit mehr oder weniger Nachdruck verneinen. Um so nötiger erscheint es, die Bedeutung der alten Sprachen am heutigen Tage in ein helleres Licht zu rücken. Darum lehren und lernen wir Latein und Griechisch, damit wir denken lehren und lernen, eben jenes sapere, von dem der alte Sturm spricht. Das Volk der Römer ist vor anderen durch sein scharfes Denken, durch seine unverbrüchliche Logik ausgezeichnet gewesen, und diese hat sich in der klangvollen Sprache des Latein ein Denkmal geschaffen, wie es herrlicher nicht wieder gefunden wird. Sobald Ihr die ersten Elemente überwunden habt, verspürt Ihr den militärischen Geist, die strenge Zucht des Latein. Da darf kein Wort an unrechter Stelle stehen, da richtet sich eins nach dem andern, da sehen die Nebensätze und die Pronomina auf das regierende Verbum wie die Soldaten auf den Feldherrn; jene treten gehorsam in den Kon- junktiv, diese nehmen die reflexive Form geduldig an. Nichts ist regellos, alles hat Zweck und Bedeutung. Und wenn dies zu erlernen auch nicht immer leicht und angenehm ist, so giebt es doch eine grosse Fertigkeit. Denn nirgends beschränkt sich das Gymnasium auf das leere Wissen, sondern setzt es ins Können um. Das Extemporale, dies besondere Kennzeichen des preussischen Gymnasiums, ist ein Stahlbad für den jugendlichen Geist. Denn vfer das gegebene Diktat richtig übersetzen will, muss die Beziehungen der Sätze zu einander richtig erfassen, das kausale, konsekutive, konzessive Verhältnis u. s. w., d. h. er muss denken und diese Operation dann durch die Sprache vollziehen. Und weiter. Wer erst die Stellung und Satzverbindung des Latein durchschaut hat, der wird mit wachsender Leichtigkeit die Werke der Schriftsteller lesen und verstehen; er wird das Prädikat aufsuchen, danach das Subjekt und endlich die an- geschlossenen Participien und Nebensätze. Und so wird er vom schlichten Stil Cäsars auf- steigen zu Livius umfangreichen Perioden und von da zu Ciceros wunderbar klarer und glänzender Schreibweise, um mit der charaktervollen Kürze des Tacitus abzuschliessen. Überall wird die logische Kraft in ihm gestählt und so das Instrument, das er später für wissenschaftliche Studien am meisten braucht. Und daneben das Griechische! Unendlich reicher und tiefer als das Latein, bietet es dem forschenden Blick in der Fülle seiner Formen, in der Mannigfaltigkeit seiner Syntax eine unbegrenzte Menge der schönsten und lohnendsten Aufgaben, die wiederum der Schärfung der Denkkraft zu gute kommen. Freilich, die Formen müssen gelernt werden und die Vokabeln dazu; aber ohne Mäühe giebt es nun einmal auf Erden keine Errungen- schaft, die wirklich lohnt. Und dann folgt die Belohnung in der Lektüre wunderbar grosser Dichter und Denker, die dem lernenden Geiste immer neue Probleme darbieten. Allerdings genügt nicht ein oberflächliches Erraten des Sinnes, womöglich mit Hilfe jener traurigen Mittel, die gewissenlose Vielgeschäftigkeit zubereitet. Nur bei gründlicher grammatischer und lexi-