Aufsatz 
Sapiens atque eloquens pietas : (Antrittsrede des Direktors) / [Friedrich Aly]
Entstehung
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Sapiens atque eloquens pietas.

(Antrittsrede des Direktors).

Von den reizlosen Ufern der Ihle, aus einer unansehnlichen Fabrikstadt, die den Welt- markt mit Stiefeln und Handschuhen versorgt, führt mich das Wohlwollen der hohen Behörde an das liebliche Ufer der Lahn, in die freundliche Stadt, die, reich an grossen Erinnerungen und bestrickenden Reizen, nicht mit Unrecht die Perle des Hessenlandes genannt wird. Führ- wahr, ich kann mein Geschick als ein gütiges preisen und folge daher dem Rufe der Pflicht mit aufrichtiger Neigung, die sich noch dadurch erhöht, dass das Bestehen des Königlichen Gymnasiums nach menschlichem Ermessen durch die ehrenvolle Nachbarschaft der Universität gewährleistet wird, als deren Vorbereitungsanstalt diese Schule einst gegründet worden ist. Aber wie gross auch die Entfernung ist zwischen meinem früheren Wirkungskreise und meinem jetzigen, wie stark auch die Verschiedenheit in der Eigenart der Bevölkerung wie der aus ihr hervorgegangenen Jugend, so ist doch unsere Aufgabe dieselbe, so ist doch der Geist der nämliche, in dem wir hier wie dort unsere Arbeit verrichten. Gottesfurcht und Königstreue sind die starken Pfeiler, die den Bau dieser wie jener Schule tragen, und ihnen gesellt sich als dritter die Wissenschaftlichkeit hinzu, die das besondere Kennzeichen des humanistischen Gym- nasiums ausmacht. Durch beide Schulen führt der lange, aber sichere Weg über Rom und Athen zu den Pforten der Universität.

Jedoch ist es mir nicht Bedürfnis, an dieser Stelle meine Ansicht vom Wesen gymnasialer Bildung darzulegen; ich habe das in Rede und Schrift mehr als einmal gethan. Ich will viel- mehr versuchen, da wir uns heute im engern Kreise der Schule befinden, der anwesenden Jugend das Ziel und die Aufgabe ihrer Lernjahre an dieser Anstalt zu weisen. Zu diesem Zwecke wähle ich mir eine Begriffsbestimmung aus der Zeit des älteren Humanismus und stelle die sapiens atque eloquens pietas des ehrwürdigen Rektors von Strassburg, Johannes Sturm, als Ziel und Aufgabe der lernenden Jugend hin. Freilich ist es nicht mehr zeitgemäss, den alten Sturm zu citieren. Unsere methodensüchtige Zeit sieht in dem stolzen Bewusstsein, wie herrlich weit wir es gebracht haben, mit mitleidiger Verachtung auf die Lateinschule des 16. Jahr- hunderts, auf die Schule der Reformation herab. Und es ist wahr, sie war sehr einseitig und. sehr wunderlich, weil sie so ganz in der imitatio, besonders Ciceros, aufging und das blühende Leben der Gegenwart so ängstlich mied, dass selbst das Reden in der Muttersprache gelegentlich schwer bestraft wurde. Aber doch hat der ältere Humanismus etwas, das uns Kinder einer verworrenen Zeit mit stiller Wehmut und Sehnsucht erfüllt. Es herrschte in Sturms Lehrplan- Einheitlichkeit und Festigkeit, die Leistungen entsprachen den Zielen, und das Wissen war mit dem Können eng verbunden. Unwillkürlich drängt sich in unseren Tagen ernsten Geistern immer wieder die Frage auf die Lippen: Wie können wir uns die Vorzüge jener Zeit wieder aneignen, ohne ihre Einseitigkeit zu teilen? Aber auch diese Frage'wollen wir, heute nicht beantworten,