Aufsatz 
{I. Rede zur Gedächtnis-Feier am 18. Oktober 1888 : Realgymnasium zu Cassel / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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damit sie nicht zuviel von ihrer lieblichen Natur einbüsse. Auch der Prinzessin erklärt Tasso, im vierten Auftritt des letzten Aufzugs, er wolle in Rom mit Sorgfalt und Geduld vielleicht die letzte Hand an sein Gedicht legen; dabei spricht er zugleich die Ahnung aus, er werde es wohl verändern, aber nie vollenden.

Als dann die Katastrophe eingetreten ist, als Tasso, durch Uberspringung der ihm gezogenen Schranken sein Glück sich auf ewig verscherzt hat, als er die Schuld an allem Geschehenen andern aufbürden will, da redet er sich ein, man habe ihm das Gedicht nur abgelockt, damit ihn dasselbe nicht vor dem Hunger schützen könne; man halte es nur darum zurück, damit es nicht vollkommener werde, damit sein Name sich nicht verbreite; da meint er, was Unedles an seiner Armida sei, das sei doch ihr eigentliches Wesen, entsprechend dem Vorbild der Prinzessin, die er so lange verkannt.

So wird in dem Schauspiel Göthes unser Anteil an des Helden Hauptwerk von Anfang bis zu Ende auf das lebhafteste erregt, und damit entsteht in manchem Leser gewiss der Wunsch das Befreite Jerusalem genauer kennen zu lernen.

Aber das Gedicht ist lang. Es umfasst 20 Gesänge, von denen der kürzeste 66, der längste 144 achtzeilige Strophen enthält, im ganzen 15336 Verszeilen. An solch eine Aufgabe wagt sich mancher nicht leicht; vielen, namentlich unsern Schülern, fehlt es dafür schon an Zeit; und doch möchte es gerade diesen recht nützlich sein, einen tieferen Einblick in den Inhalt des grossen italienischen Heldengedichts zu gewinnen. Als eine Ergänzung meiner bei Ferdinand Schöningh in Paderborn 1889 erschienenen Schulausgabe des Tasso soll daher die nachfolgende Inhaltsangabe von Torquato Tassos Befreitem Jerusalem unseren Schülern gewidmet sein.

I.

Nach Anrufung der Muse und kurzer Widmung seines Gedichtes an seinen Schutzherrn Alphons, der einst wohl als Führer eines neuen Christenheeres zum heiligen Lande ziehen wird, beginnt der Dichter seinen Bericht.

Sechs Jahre sind seit dem Aufbruch des Christenheeres aus dem Westen dahingegangen. Nicäa ist im Sturm genommen, Antiochien durch List erobert, Tortosa gefallen. Dort liegen die Scharen in den Winterquartieren. Da entsendet beim Beginn des Frühlings Gott der Herr den Erzengel Gabriel zu Gottfried von Bouillon; dieser beruft sämtliche Fürsten zum Rat, um sie zum Zug nach Jerusalem aufzufordern. Peter der Einsiedler weist darauf hin, dass Erfolg nur zu hoffen ist, wenn feste Ordnung geschaffen wird, wenn ein einziger Wille im Heere die letzte Ent- scheidung hat, und so wird Gottfried zum Oberanführer gewählt. Er hält am nächsten Morgen Musterung. Wir hören die Namen der Führer, die Zahl der Streiter, die ihnen gefolgt sind. Alle überstrahlt an Mut und Kraft und schon gewonnenem Ruhm der 18jährige Rinald, Bertholds Sohn vom Gebiete der Etsch, aus dem Stamme der Este. Vor drei Jahren ist er der Heimat entflohen und dem Heere nachgezogen, da es ihn zuhause nicht mehr litt.

Vor seinem für den nächsten Tag bestimmten Aufbruch entsendet Gottfried einen treuen Boten nach Constantinopel; dort soll er einen jungen Dänenfürsten, der mit neuen Scharen naht, zu rascher Ankunft drängen und vom griechischen Kaiser die versprochene Hilfe verlangeu, denn Gottfried weiss, dass in Gaza ein Kgypterheer zum Schutze Jerusalems sich sammelt. Wie ein gewaltiger Strom ergiesst sich nun das Heer durch das Land nach der Küste, dieser entlang nach Süden ziehend, von der Flotte begleitet, die ihm Zufuhr bringt.