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erfochtenen Siege der deutschen Waffen dem Reiche eine Machtstellung, wie sie bis dahin jedes deutsche Herz ersehnt, aber kaum zu erhoffen gewagt hatte. Und was er in heissem, opfervollem Kampfe seinem Volke errungen, das war ihm beschieden durch lange Friedensarbeit während mühe- voller Regierungsjahre zu befestigen und segensreich zu fördern.“ Dann verkündet der Erlass die feste Absicht des kaiserlichen Herrn alle Rechte und Pflichten seiner Krone getreulich wahrzunehmen und das Werk in dem Sinne fortzuführen, wie es begründet wurde: Deutschland zu einem Hort des Friedens zu machen und die Wohlfahrt des deutschen Landes zu pflegen, allerdings im wehmütigen Hinblick auf die Krankheit mit dem Zusatz:„in der Zeit, die nach Gottes Ratschluss Meiner Regierung beschieden sein mag.“
In dem Erlass an den Reichskanzler, in welchem der Kaiser eingehender die Grundsätze darlegt, die für seine Regierung massgebend sein sollen, betont er vor allem„die der Erziehung der heranwachsenden Jugend zugewandte Pflege.“ Das sind goldene Worte, die jeder deutsche Jüngling sich ins Herz schreiben soll:„Muss höhere Bildung immer weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden, so ist doch zu vermeiden, dass durch Halbbildung ernste Gefahren geschaffen, dass Lebensansprüche geweckt werden, denen die wirtschaftlichen Kräfte der Nation nicht genügen können, oder dass durch einseitige Erstrebung vermehrten Wissens die erziehliche Aufgabe unberücksichtigt bleibe. Nur ein auf der gesunden Grundlage von Gottesfurcht in einfacher Sitte aufwachsendes Geschlecht wird hinreichend Widerstandskraft besitzen die Gefahren zu überwinden, welche durch die Beispiele hochgesteigerter Lebensführung einzelner für die Gesamtheit erwachsen. Zum Schluss wird der Wunsch ausgesprochen:„Deutschland und Preussen zu neuen Ehren in friedlicher Ent- wicklung zu führen. Unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Grossthaten, so heisst es zuletzt, werde Ich zufrieden sein, wenn dereinst von Meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei Meinem Volke wohlthätig, Meinem Lande nützlich und dem Reiche ein Segen gewesen.“
So war das ganze Streben des hochherzigen Fürsten auf die Beglückung seines Volks gerichtet. Zwar zehrte die heimtückische Krankheit an seinem Lebensmark, aber immer wieder richtete er sich auf und widmete seine letzten Kräfte den Pflichten seines hohen Amts. Das lebendige Wort war ihm versagt, aber unermüdlich arbeitete er mit dem Stift.„Lerne zu leiden, ohne zu klagen“, so hatte er einst seinen Thronerben ermahnt, jetzt leerte er selbst den Kelch des Leidens bis zur Hefe, ohne zu klagen.
Die Krankheit machte es ihm unmöbglich, an dem Leichenbegängnis seines kaiserlichen Vaters teilzunehmen. Thränenden Auges sah er, hintér dem Fenster des Charlottenburger Schlosses stehend, den Trauerzug vorüberziehen, der die sterbliche Häülle des Entschlafenen zu ihrer letzten Ruhestätte geleitete; hier in dem friedlichen tannengrünen Park, in dem Mausoleum, welches Friedrich Wilhelm III. als Grabstätte für seine Gemahlin, die Königin Luise, hatte errichten lassen, in welcher dieser selbst seine letzte Ruhestätte gefunden hatte, hier an dieser geheiligten Stätte wollte Kaiser Wilhelm zu den Füssen seiner Mutter beigesetzt werden.
Zweimal ist der kranke Kaiser in seiner Hauptstadt erschienen, wo er mit unnennbarem Jubel empfangen ward. Vor dem Schloss in Charlottenburg harrte in stiller Teilnahme das Volk, ob der geliebte Fürst sich vielleicht am Fenster zeigte, und schaätzte sich glücklich, wenn es einen Gruss erhielt oder ein Zeichen seiner Liebe in das Schloss senden konnte. Am letzten Mai betrat der Kaiser noch das Mausoleum, um hier am Sarge seines teuren Vaters sein Gebet zu verrichten, wohl im Vorgefühl, dass auch er bald ruhen werde.


