Aufsatz 
{I. Rede zur Gedächtnis-Feier am 18. Oktober 1888 : Realgymnasium zu Cassel / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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seine Mitschüler auch lernten, und damit er nichts voraushabe vor anderen künftigen Dienern des Staats Dass Cassel gewählt wurde, ist euch allen bekannt. Und wir können stolz darauf sein, dass der Kronprinz der neu erworbenen Provinz, die erst seit einigen Jahren zu Preussen gehörte, und ihrer Hauptstadt sowie unseren.Schulen ein so grosses Vertrauen entgegenbrachte.

Und wenn ihr Schüler jetzt davon hört, wie unser jugendlicher Kaiser auf seiner Meerfahrt zu der nordischen Hauptstadt an der Newa, dann in der alten deutschen Kaiserstadt an der Donau und in diesen Tagen in der ewigen Stadt an der Tiber mit Jubel empfangen und mit Ehren über- häuft wird, wie es den deutschen Kaisern des Mittelalters auf ihren Römerzügen niemals zu teil geworden ist, schwellt das nicht eure Brust, wenn ihr denkt: An diesen Ehren darf das ganze deutsche Volk, dürfen auch wir teilnehmen; dieser so hochgeehrte Fürst, dieser Träger der macht- vollsten und glänzendsten Krone Europas, ja der ganzen Erde, der Vertreter des deutschen Vater- landes, der Deutsche Kaiser, das ist derselbe, der ebenso wie wir auf unseren Schulbänken gesessen hat, der ebenso wie wir hat lernen und gehorchen müssen, der so zu sagen unser Mitschüler gewesen ist; und sein erlauchter Bruder, der Prinz Heinrich, der nun dazu berufen ist, die erste Stütze des Thrones zu sein, der hat hier in diesem Festsaal unter uns gestanden und mit uns gesungen, hat von dieser Stelle aus das Bibelwort gehört, hat auf unserem Schulhof sich mit uns umher getummelt und hat sich auch den ernsten Aufgaben, welche die Schule stellt, unterziehen müssen? Konnte unser Kronprinz seine erhabenen Grundsätze wohl besser und wirksamer bethätigen? Und hat er nicht auch zugleich dadurch unsere alltägliche Schularbeit geadelt, indem er sie für wertvoll genug hielt, um der Ausbildung des künftigen Deutschen Kaisers zu dienen?

Und so wurde zugleich das rege Pfichtgefühl, welches den Vater und den Grossvater in so hohem Masse erfüllte, auch in den Söhnen schon frühzeitig entwickelt. Dass unser erhabener Kaiser das grosse Wort des grossen Friedrich:In Preussen ist der König der erste Diener des Staats, in seiner Thronrede bei der feierlichen Eröffnung des Landtags als den Grundsatz, nach welchem er seine Regierung führen will, öffentlich verkündet hat, auch darin erblicken wir eine segensreiche Frucht der weisen Erziehung seines Vaters.

Ja, Stolz und Hoffnung erfüllte uns, wenn wir dachten, dass es ihm, dem gereiften, ruhm- gekrönten und schon vielfach bewährten Königssohn einst beschieden sein würde, den Ruhm einer segensreichen, friedlichen langjährigen Regierung seinen kriegerischen Ehren hinzuzufügen. Aber anders kam es. In frischer, schmerzlicher Erinnerung ist es noch bei uns allen, wie Anfang 1887 beunruhigende Gerüchte über ein Halsleiden des Kronprinzen in die ffentlichkeit drangen; wie derselbe eine Zeit lang in Ems verweilte, ohne die gesuchte Heilung zu finden; wie er dann noch an dem 50 jährigen Regierungsjubiläum der Königin Victoria von England teilnahm und in England und Schottland sich weiter aufhielt, immer in der Hoffnung auf baldige Genesung. Im Anfang des Septembers kehrte er auf das Festland zurück und begab sich, ohne Berlin zu berühren, nach Toblach in Tyrol. Mit Beginn des folgenden Monats reiste er über Venedig nach Baveno und ging bald darauf nach San Remo. Aber trotz aller Gerüchte über fortschreitende Besserung hatte die unheimliche Krankheit stetige Fortschritte gemacht, und im November ward ihr gefährlicher Charakter bekannt. Das war ein Schlag für alle deutschen Herzen, um so. empfindlicher, als zugleich auch bekannt wurde, dass das Ubel schon zu grosse Fortschritte gemacht hatte, als dass eine Operation noch sichere Aussicht auf Rettung gegeben hätte. Da stiegen aller Orten, in katholischen wie in evangelischen Kirchen, in den Häusern wie in den Schulen, aus bekümmerten Herzen inbrünstige Fürbitten für das teure Leben empor, und auch hier in diesem Saal drangte der Gedanke an den