Aufsatz 
{I. Rede zur Gedächtnis-Feier am 18. Oktober 1888 : Realgymnasium zu Cassel / gehalten von Hermann Siebert
Entstehung
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Es hat nicht sein sollen. Aber das Andenken an den vielgeliebten Fürsten, an seine hohe, ritterliche Gestalt, an seine herzgewinnende Milde und Freundlichkeit lebt frisch und unver- ä dert in uns fort, er gehört uns, wie im Leben, so auch nach seinem Tode; durch tiefstes Leiden und Mitleiden ist er uns, sind wir ihm nur um so enger verbunden, und so geben wir diesem Gefühl auch heute Ausdruck in unserer Gedenkfeier, und indem wir hierdurch dem Willen seines Sohnes, unsres erhabenen Kaisers, entsprechen, folgen wir dem Zug unseres Herzens.

Werfen wir einen Blick zurück auf die grossen Erlebnisse dieses Jahres, welches drei Kaiserregierungen gesehen hat. Da erschütterte uns zuerst der Heimgang unseres allverehrten grossen Kaisers Wilhelm, des Begründers des neuen Deutschen Reiches. Ohnegleichen war er gesegnet mit Ansehn und Ehre, mit Macht und Ruhm, mit des Volkes Liebe, mit hohem Alter und Gnade bei Gott und den Menschen, in einem Masse, wie es wohl noch selten einem Sterblichen zu teil geworden ist. Und wenn der heilige Sänger sagt: Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, so hatte man sich schon fast daran gewöhnt, es als eine gegebene Thatsache anzusehen, dass die ehrwürdige Heldengestalt unseres Kaisers eine Aus- nahme von diesem allgemeinen Menschenlos mache. Und als er dann abgerufen und zu seinen Vätern versammelt ward, da war's uns zu Mute, als ob einer unsrer nächsten Angehörigen von uns genommen wäre; so sehr fühlte jeder den Verlust des Vaterlands als seinen eignen Verlust. Da ertönten die Trauerglocken in allen Gotteshäusern und die Totenklage des deutschen Volks von den Alpen bis zur Nordsee. Und wir sahen das Schauspiel, das ganz einzig in der Weltgeschichte dasteht, dass die rührendsten Zeichen aufrichtiger Trauer nicht nur aus allen Gauen des deutschen Landes, sondern auch aus allen Ländern des Erdballs, von den fernsten Inseln und Küsten des Meeres einliefen, und nicht nur von den allerorten zerstreut lebenden Deutschen, sondern von fremden Völkern aller Zungen. Noch nie hat seit Menschengedenken der Tod eines Herrschers eine so allgemeine Kundgebung der Teilnahme und Trauer hervorgerufen.

Unsere Blicke waren damals, als das Leben unseres grossen Kaisers seinem Ende sich zuneigte, sorgenvoll nach San Remo gerichtet, wo der Kronprinz, der Stolz und die Hoffnung des deutschen Volkes, in der milden Luft an der Meeresküste Italiens Linderung und Erleichterung in seiner schweren Krankheit suchte.

Ja, er war unser Stolz, unsere Hoffnung. Er hatte sich wie selten ein Fürst schon vor seiner Thronbesteigung nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch die Herzen seines Volkes erworben, er gehörte schon ganz uns, wir liebten ihn, wir kannten ihn als unsern Fritz. Es sei hier nur kur⸗ daran erinnert, wie er sich 1864 in dem Krieg gegen Dänemark schon ausgezeichnet hatte, wie er 1866 durch sein rechtzeitiges Erscheinen auf dem Schlachtfelde von Königgrätz den Sieg entschied und wie er dann, als der letzte grosse Entscheidungskampf anbrach, der zu Deutschlands Einigung führte, an der Spitze der süddeutschen Truppen den berühmten Marschall des kaiserlichen Frankreichs bei Weissenburg und Wörth am 4. und 6. August 1870 niederschmetterte und damit nicht nur Süddeutschland von der drohenden Gefahr eines feindlichen Einfalls befreite, sondern auch gleich mit Beginn des Krieges den Mut in dem deutschen IIeere zu jener unerschütterlichen Siegeszuver- sicht erhöhte, welche durch die grossartigsten Erfolge so glänzend gerechtfertigt ward.

Es war ein glücklicher Griff, dass gerade er es war, dem die Führung der Süddeutschen, die vier Jahre vorher noch gegen Preussen im Felde gestanden hatten, übertragen wurde; man kannte sein deutsches Herz, man wusste, dass er sich in erster Linie als Deutscher fühlte, ihm folgten die Baiern, die Würtemberger, die Badenser gern, und die Waffenbrüderschaft, der gemein-