Rede
Gedächtnis-Feier am 18. Oktober 1888.
Der heutige Tag, liebe Schüler, der 18. Oktober, ist euch allen wohl bekannt als einer der bedeutungsvollsten vaterländischen Erinnerungstage. Fünfundsiebenzig Jahre sind heute ver- flossen seit jenem denkwürdigen Tage, an welchem nach blutigem Ringen in der grossen Völker- schlacht vor Leipzigs Thoren die Gewaltherrschaft des ersten Napoleon gebrochen ward. Durch das Zusammenwirken der drei verbündeten Herrscher, des Königs Friedrich Wilhelm III., des öster- reichischen Kaisers Franz und des russischen Kaisers Alexander I., durch die begeisterte Hingabe und todesmutige Aufopferung der deutschen Jugend, durch die Tüchtigkeit der Heerführer und vor allem durch das entschiedene Vorwärtsdringen eines Blücher war dieses grosse Ziel des Befreiungs- krieges erreicht worden.
Eine lange Zeit liegt nun schon dazwischen, 75 Jahre, und wenn wir Bejahrteren in unsrer Jugend noch unsere Väter von dieser grossen Zeit erzählen hörten, welche sie selbst erlebt hatten, an deren Bewegung sie häufig selbst als Krieger in dem heiligen Kampf teilgenommen hatten, so wird wohl von euch Jüngeren kaum der eine oder andere noch einen dieser Freiheitskämpfer gesehen oder gekannt haben. Die dankbare Erinnerung des deutschen Volkes hob— ähnlich wie aus dem letzten Krieg den Sedantag— damals den 18. Oktober als den Tag der wichtigsten Entscheidung hervor, an ihn schloss sich das vaterländische Gefühl ganz besonders an, er ward als der Tag aller Deutschen in Ehren gehalten, seine Feier ward in der Zeit der Zerklüftung ein Merkzeichen vater- ländischer Gesinnung, und lange Zeit hindurch flammten die Oktoberfeuer auf den Bergeshöhen, und ihr Schein verkündete weithin, dass die Hoffnung der Deutschen auf ein geeintes Vaterland noch nicht erloschen war.
Und dieser Ehrentag sollte noch eine höhere Weihe erhalten. Heute vor 57 Jahren, im Jahre 1831, ward unter der Regierung Friedrich Wilhelms III. dem damaligen Prinzen Wilhelm von Preussen unser vielgeliebter Kaiser Friedrich geboren. Die tiefe Trauer um seinen Hingang klingt noch in unser aller Herzen nach. Hätten unsere Wünsche, Hoffnungen, Gebete sich erfüllt, wäre ihm noch eine Reihe von Jahren beschieden gewesen, so wäre der 18. Oktober durch die Feier des Geburtsfestes des Landesherrn und des deutschen Kaisers in zwiefachem Sinne ein vaterländischer Fest- und Ehrentag geworden.


