Aufsatz 
Turnsaal und Exerzierplatz : Eine Untersuchung über die Verschiedenheit militärischer und turnerischer Ausbildung als ein Beitrag zur Methodik des Turnunterrichts / von Hugo Ganz
Entstehung
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Durch die Kombination taktmäßig ausgeführter Arm⸗ und Bein⸗, Arm⸗ und Rumpf, Bein⸗ und Rumpf⸗ Bewegungen u. ſ. w. ergiebt ſich auch hier wiederum eine ſolche Fülle von Übungen, daß die wenigen militäriſch üblichen dagegen gar nicht in Betracht kommen können.

VIII. Gerüteturnen.

In Bezug auf das Geräteturnen können wir uns ebenfalls kurz faſſen. Hier in ihren ver⸗ ſchiedenen Berufsarten ſchon meiſt einſeitig gewordene, dort jugendlich geſchmeidige von früh auf geſchulte Körper, hier die an und für ſich ſchwerfällige Maſſe des niederen Volks, dort die gewandteren Söhne der höheren Klaſſen, hier wenige und plump geformte Geräte, dort ein Reichtum und eine Sorgfalt der Ausführung, die jegliche nur denk⸗ und ausführbare Kombination von Körperbewegungen möglich machen; hier endlich als letztes Ziel ein ſehr niedriges Maß von auszuführenden Übungen, die weſentlich eine gewiſſe Körperkraft vorausſetzen und heranbilden ſollen, dort die ganze Fülle der Geräteübungen, die ſich in einem 10 jährigen Lehrkurſus erlernen läßt mit ihrer hundertfachen Gelegenheit, Auge, Arm und Wille in erſter Linie, dann aber auch jeden irgendwie in irgend einer Lebenslage in Betracht kom⸗ menden Muskel zu üben und ſeine Bewegungen aus unwillkürlichen in willkürliche zu verwandeln. Springſchnur, Bock und Pferd für den Freiſprung, letztere beide auch für den gemiſchten Sprung, Leitern, Stangen und Tau für Hangübungen, Barren für Stemmübungen und endlich das Turngerät zxr 2S0X7, Reck und Streckſchaukel für jegliche nur denkbare Arm⸗, Schulter⸗, Rumpf⸗, Rücken⸗ und Schenkel⸗ übung gehören zur Gerätausrüſtung einer jeden höheren Lehranſtalt wer damit und mit den allzeit turneifrigen, gelenkigen Burſchen von 818 Jahren nicht eine ganz andere körperliche Gewandtheit er⸗ zielt, als der Kompagnieoffizier mit Schnur und Querbaum und ausgewachſenen Bauernburſchen, der muß doch ſeiner Aufgabe ſo wenig gewachſen ſein, daß er ſich beſſer in ſeine wiſſenſchaftlichen Domänen zurückzieht und den Turnunterricht anderen überläßt.

Zu betonen iſt nur noch, daß bei uns auch hier nichts bloß mechaniſches Können ſein darf. Der Lehrer muß ſoviel von der Thätigkeit der Muskulatur wiſſen, daß er die Wirkung und den Zweck jeder Übung angeben kann; er vergewiſſert ſich auch ſo oft als möglich des Verſtändniſſes von Seiten der Schüler. Alſo auch hier Erziehung zu Einſicht, Wiſſen und Können zugleich.

IX. VYorbildung der Offiziere und der Lehrer.

Hier iſt freilich ein Punkt, worin das Heer beſſer geſtellt iſt, als die Schule. Es wird nicht jeder Offizier gleichmäßig befähigt ſein für alle Teile ſeines Dienſtes, aber ſoweit verlangt man von ihm doch Vertrautheit mit allen ſeinen Obliegenheiten, daß er ſich nicht geradezu unfähig erweiſen darf einen Teil der ihm zukommenden Funktionen, alſo z. B. die Leitung des Turnens zu übernehmen. Von den Pädagogen verlangt man das nicht. Es wird wohl in manchen Orten von den leitenden Behörden mit Nachdruck auf die Zuſammengehörigkeit der körperlichen und geiſtigen Ausbildung hingewieſen und ſehr darauf geſehen, daß der Turnunterricht, ſchon um in den Augen der Schüler nicht als minderwertig zu gelten, von den wiſſenſchaftlichen Lehrern der Anſtalt, am beſten von den Ordinarien, erteilt wird; es wird aber nirgends dem Studenten und ſpäteren Lehrer Gelegenheit gegeben, wie dem Offizier auf der Kriegsſchule, ſich während ſeiner Univerſitätszeit für ſeinen ſpäteren Dienſt vorzubereiten, und mancher ſonſt in jeder Hinſicht zur Erteilung des Turnunterrichts qualifizierte Lehrer ſcheut ſich nur deshalb dieſen Unterricht zu übernehmen, weil ihm die Kenntnis des Stoffs und namentlich die Übung im Ge⸗ räteturnen abgeht. Wenn unſere Nation erſt von der einſeitigen Überſchätzung der Buchſtabenweisheit noch mehr zu einer richtigen Erkenntnis der harmoniſchen menſchlichen Bildung gekommen ſein wird,