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Sprechen verbieten, ſoweit die Aufmerkſamkeit auf die Vorgänge am Gerät nicht darunter leidet? Laut darf es natürlich nicht werden, ſonſt hat der Lehrer Mühe durchzudringen, aber das ſehen die Schüler auch ein und fühlen ſich nicht unrechtmäßig erweiſe tyranniſiert, wenn ihnen das laute Sprechen verboten wird. Ge⸗ ſtattet man ihnen aber ein leiſes Sprechen, ſo ermüden die Schüler weniger in ihrer freieren Haltung; die Vorgänge am Gerät feſſeln ſie von ſelbſt, weil ſie Intereſſe daran nehmen und in allen kommt die wohlthuende Stimmung auf, ſich hier mehr gehen laſſen zu können, freier zu ſein, nicht unter einem unnötigen Zwang zu ſtehen. Nur in ſolcher Stimmung kann aber Luſt und Liebe zu einer Sache auf⸗ kommen,„und Luſt und Liebe ſind die Fittige zu großen Thaten“. Bei allen Ordnungs⸗ und Frei⸗ übungen herrſcht, wie ſich von ſelbſt verſteht, abſolute Stille; auf das Geräteturnen dieſelbe Forderung auszudehnen iſt unrichtig, eine Entlehnung vom militäriſchen Turnplatz, die mit Rückſicht auf unſre Erziehungszwecke zu verwerfen iſt.
XI. Porbereitung für den Heeresdienſt.
Eine Weiterführung der Betrachtung halte ich für unnötig. Darauf hinzuweiſen, daß auf Turn⸗ fahrten ein anderer Ton zu herrſchen hat, wie auf einem militäriſchen Reiſemarſch, iſt hoffentlich ganz überflüſſig. Da ſolche Turnfahrten nur von Freiwilligen unternommen werden, würde ein falſcher Ton auch bald die Teilnehmer verſcheuchen.— Die Turnſpiele endlich haben gar kein Analogon im Heerweſen.
Ein Einwand könnte aber doch noch gemacht werden, und er iſt ſchon gemacht worden.„Wird denn, ſo fragt man, die Heeresverwaltung damit einverſtanden ſein, daß Ihr die jungen Leute in ſo ganz anderer Weiſe ausbildet und würde nicht vielleicht im Intereſſe des leichteren Hineinfindens in die militäriſchen Verhältniſſe doch die eine oder die andere Annäherung erwünſcht ſein?“
Nein. Der zur Freiheit und Selbſtbeſtimmung Erzogene wird mit Leichtigkeit ſich ein Jahr in die militäriſche Unterordnung hineinfinden, weil er ihre Notwendigkeit einſieht. Der turneriſch geübte hat ferner bis auf den militäriſchen„Schnitt“ alles das, was von ihm während ſeines Jahres verlangt wird, mit Ausnahme der Formationen in größeren Abteilungen, ſchon geübt und braucht nur die mili⸗ täriſchen Bezeichnungen dafür zu lernen, während ihm die Sache ſelbſt und noch viel, viel mehr längſt geläufig iſt. Es wird ihm ſogar die militäriſche Bezeichnung durch Kenntnis der turneriſchen verſtänd⸗ licher, weil die turneriſche das Weſen der Sache enthält, während die militäriſche oft terminus technicus und nur nach vorheriger Erklärung verſtändlich iſt. Er iſt endlich im Geräteturnen weiter, als es je von ihm gefordert wird als Soldat und iſt, was Gewandtheit und Schönheit der Bewegung anlangt, jedem Soldaten und gewöhnlich auch den Unteroffizieren überlegen. Welche weitere„Vorbereitung“ für den Heeresdienſt will man alſo noch verlangen? Wendet man ſich aber an die Militärs ſelbſt und fragt ſie:„Wollt Ihr lieber Leute mit denen ſchon(in franzöſiſcher Manier) ſo und ſo lange„Soldat geſpielt“ worden iſt(denn wie oben gezeigt, kann doch auf der Schule nicht mehr herauskommen) oder wollt Ihr lieber ſolche, denen der militäriſche Zuſchnitt noch ganz gegeben werden muß, die aber körper⸗ lich gewandt und geiſtig geweckt ſind?“— ſo lautet die Antwort, wie man ſich ſtets vergewiſſern kann: „Liefert Ihr uns Leute, mit denen etwas anzufangen iſt, und überlaßt uns die militäriſche Erziehung; parodiert nicht unſre Formen in zoeckloſer Spielerei, das Weſen könnt Ihr doch nicht in die Schuljungen hineinbringen!“— und wir erwidern darauf:„Das ſollen und wollen wir auch nicht, denn wir haben anderes und beſſeres zu thun: die Erziehung jedes einzelnen von unſeren Jungen zu Einſicht, Kraft, Entſchloſſenheit und Schönheit, und die erreichen wir nicht, ſelbſt bei der„ſchneidigſten“ Imitation des militäriſchen Verfahrens im Turnen und im Exercieren.
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