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wenn unſre Gymnaſien, ſoweit das bei uns möglich iſt, wieder das ſind, was den Hellenen die ihrigen waren, dann wird man auch den zukünftigen Pädagogen nicht mehr bloß nach ſeinen wiſſenſchaftlichen Leiſtungen ſchätzen, ſondern auch nach der Befähigung auf dem Turnplatz ein Erzieher ſeiner Schüler zu ſein. Oder glaubt man, daß einen Turnunterricht wie den obenſtizzierten ein pädagogiſcher Stümper, etwa ein alter Pedell oder ausgedienter Unteroffizier zu erteilen vermöchte?—— Bis zu dieſer gründ⸗ lichen Reform hat's freilich noch gute Wege und ſo lange auf dem Stundenplan noch acht wöchentliche Stunden für Latein und zwei, ſage zwei für das Turnen angeſetzt ſind, ſo lange wird die richtige päda⸗ gogiſche Schätzung der beiden Fächer noch auf ſich warten laſſen. Daß die turneriſchen Leiſtungen im Heere jährlich mehrmals inſpiziert werden, an unſeren Schulen aber manche Direktoren für das Turnen wenig oder gar kein Intereſſe zeigen, ſtellt die Schulen in dieſer Beziehung auch nicht günſtiger.
X. Disziplin im Heer und Föchule.
Noch ein letzter Streitpunkt iſt zu erledigen, ein weiterer Unterſchied zwiſchen Schule und Heer. Es iſt die Frage, wie es mit der Disziplin in den Turnſtunden gehalten werden ſoll. Da liegt es nun ſo nahe, das in allen übrigen Stunden berechtigte Verbot des Sprechens oder ſonſtwelcher freieren Hal⸗ tung auch auf die Turnſtunden auszudehnen, umſomehr als auch kein Soldat, während er unbeſchäftigt in ſeiner Abteilung ſteht, den Mund aufthuen darf. Geht man nun von der Anſicht aus, daß jeder, nicht unbedingt notwendige und den Schülern als notwendig erſichtliche Zwang als tyranniſch, unſitt⸗ lich und infolge deſſen als verwerflich anzuſehen iſt, ſo wird man ſich fragen müſſen, ob man das unbe⸗ dingte Verbot des Sprechens während des Turnens rechtfertigen kann. Weshalb iſt es im Heere not⸗ wendig? weshalb iſt dort auch den unbeſchäftigten nicht eine freiere Haltung und ein gewiſſes ſich Gehen⸗ laſſen geſtattet? Die Antwort lautet: Weil Vorgeſetzte zugegen ſind! Der Soldat muß ge⸗ wöhnt werden, in dienſtlicher wie außerdienſtlicher Anweſenheit ſeiner Vorgeſetzten ſtets eines Befehles gewärtig zu ſein, keine Sekunde zu vergeſſen, daß er hier zu gehorchen hat, und jede Art von legerem Benehmen iſt infolge deſſen als Anfang der Indisziplin durchaus unſtatthaft. Ganz anders bei den Schülern. Wir verlangen Stillſchweigen und ruhiges Sitzen im Unterricht, weil ſonſt keine Aufmerkſam⸗ keit möglich iſt, niemals aber als ein Zeichen der Disziplin und des Gehorchens. Wir wollen nicht die Stimmung des Gehorſams und der Unterordnung in den Stunden, nicht eine durch die Furcht vor dem Zorne des Lehrers diktierte ſklaviſche Regungsloſigkeit, ſondern nur ſoviel äußere Ruhe, als nötig iſt damit der junge Geiſt unabgelenkt dem Gange des Unterrichts folgen kann. Wer als Lehrer von ſeinen Schülern mehr als die von dem jüngeren dem älteren darzubringende Beſcheidenheit und Manierlichkeit des Benehmens fordern will und das Bedürfnis hat, ſich einen ſklaviſchen Gehorſam entgegengebracht zu ſehen, hat ſich wohl bei der Wahl ſeines Berufs geirrt.— Wer den aufkeimenden Stolz in einer jungen Seele knickt, iſt ein Mörder; denn er mordet die Individualität, den Charakter des ihm anver⸗ trauten Zöglings und wer kann es beſtimmen, wieviel Lakaienhaftigkeit, Kriecherei und Charakterloſigkeit im ſpäteren Leben auf ſolchen Mißbrauch pädagogiſcher Allgewalt in früher Jugend ſich zurückführen laſſen? Das knabenhafte Schutzmittel gegen ſolche Vergewaltigung iſt ein ingrimmiger Haß gegen den Unterdrücker und die notwendige Folge ein heuchleriſches Benehmen; lammfromm vor den Augen des Lehrers und ungezogen hinter ſeinem Rücken. Die Ungezogenheit iſt oft genug das direkte Produkt un⸗ würdiger Behandlung. Gewähren wir ſtatt deſſen unſeren Jungen Freiheit, wo es nur möglich iſt, die Frei⸗ heit, auf die ſie ein Recht und die ihnen zu nehmen wir gar kein Recht haben, ſo werden wir ſtolze, edelge⸗ ſinnte junge Leute ziehen, deren gutes Benehmen nicht eine Folge der Furcht, ſondern des Anſtandsgefühls und der Selbſtzucht iſt. Angewandt auf unſer Geräteturnen: Warum ſollen wir den Schülern ein leiſes


