Aufsatz 
Turnsaal und Exerzierplatz : Eine Untersuchung über die Verschiedenheit militärischer und turnerischer Ausbildung als ein Beitrag zur Methodik des Turnunterrichts / von Hugo Ganz
Entstehung
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13 unſeren Lungen und ihrem Schönheitsſinn eine Wohlthat, und wir dürfen getroſt es dem Militärjahre überlaſſen, den militäriſchenSchnitt hineinzubringen. Unſere Heereseinrichtungen ſind zu ernſt, als daß wir ſie irgendwo, wenn auch durch ungewollte Parodie, zum Spiel erniedrigen dürften.

VII. Freiübungen.

Das Gebiet der Freiübungen iſt für uns ebenſo ein bei weitem umfangreicheres, als für das Heer. Wenn der Soldat marſchieren, ſchießen und etwas klettern kann, ſo daß ihm ein gewöhnliches Weghindernis keine allzugroßen Schwierigkeiten bereitet, ſo iſt ſeine körperliche Ausbildung vollendet. Die wenigen Freiübungen, die im Heere vorgenommen werden, dienen neben dem Exercieren und Geräte⸗ turnen lediglich dazu Arme und Beine zu ſtärken, und noch eine oder die andere Muskelgruppe etwas geſchmeidig zu erhalten. Das Bajonettieren und die Freiübungen mit dem Bajonettiergewehr, die im Mittelpunkte ſtehen, gehen lediglich auf Kraftentwicklung aus.

Für uns, die wir nicht plumpe Bauern, ſondern die dereinſtigen Vertreter der oberen Volksſchichten zu erziehen haben, die wir vor allem nicht eine gewiſſe Gleichmäßigkeit einer Maſſe, ſondern eine mög⸗ lichſt hohe Ausbildung der einzelnen erzielen wollen, beſteht neben dem Gebot der Kraftentwicklung noch das der Entwicklung des Schönheitsſinns, des Sinnes für Eleganz und Schmiegſamkeit in allen Be⸗ wegungen. Nicht bloß geiſtig überlegen ſollen unſere Zöglinge dereinſt werden, ſondern auch körperlich auf den erſten Blick verratend, daß ſie den Adel der Nation repräſentieren; denn daß man auch von einem körperlichen Adel ſprechen kann, das zeigt ein Blick auf den Unterſchied zwiſchen den Offizieren und Einjährigen einerſeits und den dreijährigen auf der andern Seite, natürlich nur im allgemeinen. Hier ſchlanke, wohlproportionierte Formen und feine Glieder, dort grobknochiger, plumper Bau mit oft unſchöner, nach innen gekehrter Fußhaltung, vorwärtsgeneigten Schultern und ſchlechter Gangart. Man ſieht vielen ihre Beſchäftigung am Körper an. Es iſt im niederen Volke im langen Druck der Jahr⸗ hunderte der Sinn für die körperliche Erſcheinung verloren gegangen, und auch in den oberen Schichten iſt er erſt mit dem Sinn für die klaſſiſche Antike wieder erwacht. Es wäre nun vergebliche Mühe, wollte die Heeresleitung in den zwei oder drei Jahren, die der einzelne unter der Fahne bleibt, verſuchen die Erbfehler ſo vieler Generationen, und zumal am ſchon faſt fertig entwickelten Menſchen, vollſtändig zu korrigieren. Es geſchieht ja ſchon genug, und etwas bleibt immer von der militäriſchen Haltung, wenn auch bald die tägliche Beſchäftigung wieder ihren Einfluß auf den Körper ausübt. Für uns aber gelten ganz andre Vorbedingungen. Unſere Zöglinge ſtammen aus Familien, wo meiſt ſchon auf gute Haltung und eine gewiſſe Körperübung geſehen wird; wir können und müſſen drum weitergehen in der Ausbildung aller einzelnen Muskelpartieen des Körpers und müſſen unſer Augenmerk namentlich richten auf ſchöne und energiſche Art der Bewegung. Hier verlangen wir Energie. Eine ganze Gruppe von Freiübungen mit gleichſchöner Arm⸗ und Körperhaltung durchzuturnen, verlangt viel Ausdauer und Gewandtheit und dieſe müſſen wir unſeren Schülern, namentlich in oberen Klaſſen, zumuten können. Im übrigen gilt das über die Unterſchiede in der Befehlsart bei den Ordnungsübungen geſagte natür⸗ lich auch hier; nirgends Stichwörter, ſondern klare die ganze durchzuführende Übung beſtimmt angebende Ankündigungen und dann ein kurzes Befehlswort.

Unſere Freiübungen werden aber ſchon ohnehin mannigfaltiger durch die verſchiedene Art der Be⸗ laſtungen, die wir anordnen können. Das Heer kennt nur die Belaſtung mit dem Gewehr; wir haben Stäbe und Hanteln, die ganz verſchiedene Bewegungsgruppen möglich machen. Von den ſpezifiſch⸗ turneriſchen Stabübungen will ich hier nur die Gruppe des Stabüberhebens mit ihren vielen Kombi⸗ nationen nennen, von den Hantelübungen nur das Armſchwingen nach Außen und das Arntkkreiſen.