Aufsatz 
Turnsaal und Exerzierplatz : Eine Untersuchung über die Verschiedenheit militärischer und turnerischer Ausbildung als ein Beitrag zur Methodik des Turnunterrichts / von Hugo Ganz
Entstehung
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Der erzieheriſche Wert dieſer Befehlsform.

Der weitere unendliche Vorzug des Ordnungsturnens gegenüber dem Exercieren iſt aber der, daß alle dieſe Übungen nicht das Gedächtnis belaſten, als ein ſorgfältig zu behütendes Wiſſen, ſondern jede einzelne von jedem aufmerkſamen und geiſtesgegenwärtigen Schüler nach der bloßen Ankündigung und der gebührenden Pauſe im Befehl ausgeführt werden kann, ohne daß er jemals dieſe Übung geſehen hat, weil eben alle trotz ihrer ſcheinbaren Überfülle nichts ſind als Verknüpfungen einiger weniger Grundbewegungen, und alſo ausgeführt werden können von jedem, der dieſe wenigen Grundbewegungen kennt und raſch genug iſt in ſeinem Denken und Vorſtellen, die Verknüpfung auf die deutliche Ankün⸗ digung des Lehrers hin, in ſeinem Geiſte vorzunehmen. Zu dieſer Thätigkeit aber zu erziehen, muß jedem Lehrer eine Freude ſein und den Schülern ſelbſt iſt das momentane Bewußtſein, eine ſolche kom⸗ pliziertere Ordnungsübung auf den bloßen Befehl hin glücklich durchgeführt zu haben, ein geradezu er⸗ hebendes, und man kann es oft genug den frohen Geſichtern nach einer ſolchen Übung anſehen, daß jeder ſich gehoben fühlt im Bewußtſein einer nicht unerheblichen Leiſtung. Wo aber hat der Unterricht noch ſonſt Gelegenheit ein ſolch freudiges Gefühl des Könnens bei allen gleichzeitig hervorzurufen? Und man unterſchätze nicht die Größe einer ſolchen Leiſtung; es dürfte noch zweifelhaft ſein, ob dem Primaner die Anwendung einer rhetoriſchen Figur mehr geiſtige Anſtrengung zumutet, als das raſche Überdenken und Ausführen einer ſolchen komplizierteren Ordnungsübung. Charakteriſtiſch iſt gewiß, daß alle irgendwie zerfahrenen Menſchen im Ordnungsturnen nicht mit kommen.

Auf alles das verzichtet der Turnlehrer, der ſein Wiſſen und Können dem Exercierplatz entlehnt, aber auch der, der ſich durch irgend welche ſpöttiſchen Bemerkungen einesmilitäriſchen Kollegen ver⸗ leiten läßt, die oft etwas langatmigen, aber zweckentſprechenden Befehle, zu gunſten einer ſchneidigeren, militäriſchen Form, abzukürzen. Wer mehr will als auf eingebläute Stichwörter eingetrichterte Übungen ſehen, wer Denken, Vorſtellen und Geiſtesgegenwart und Schnelligkeit in der Umſetzung einer Vorſtellung in die That erziehen will, der darf ſich die Mühe nicht verdrießen laſſen in ſeiner Ankündigung aufs Genaueſte anzugeben, welche von den vielen denkbaren Ausführungen ſeiner Grundabſicht er im Augen⸗ blicke fordern will. Nur ſo wird zur wirklich fortdauernden geiſtigen Thätigkeit, zu Urteil und Ent⸗ ſchloſſenheit erzogen. Der verſchiedene Zweck fordert auch hier wieder eine verſchiedene Art.

VI. Haltung beim Ordnungsturnen.

Noch ein Wort über eine andere Sache, über die militäriſche Energie bei den Ordnungs⸗ übungen. Man vermißt in dem Gehen und Drehen im Schulturnen oft die militäriſcheEnergie. Die Füße werden nichtfeſt genugaufgeſetzt, das Fußbeiſetzen bei der Drehung geſchieht nicht feſt und ſchneidig genug. Der militäriſch zugeſchnittene Turnlehrer ſucht das nunhereinzubringen. Es iſt ſchon mehrfach darauf hingewieſen, daß nur bei vorheriger Ausbildung desRecruten dieſe Energie mit irgendwelcher Stattlichkeit und Schönheit verbunden werden kann. Wo dieſe nicht vorhergeht, läuft die ganze Schneidigkeit auf ein plumpes Lärmmachen hinaus. Man betrachte ein ſolchesSchüler⸗ bataillon, wenn es durch einen Turnſaal ſtampft. Die Köpfe im Nacken, die geſtreckten Arme an die Seiten gepreßt, den Bauch vorgeſtreckt, ſo hacken die Unglückſeligen auf den Abſätzen herum und dabei wirbelt der Staub aus den Fugen, daß bald die ganze Schar wie im Pulverdampf zu excercieren ſcheint. Wer nun eine Lunge zuviel hat oder das bei ſeinen Schülern vorausſetzt, der kann ja ſein militäriſches Herz an dem Geſtampfe laben, mehr aber als ein Bronchialkatarrh für den einen oder andern kommt bei der Sache ſicher nicht heraus. Erziehen wir zunächſt unſere Jungen zu einem ſtattlichen, ſchönen und dabei mit Rückſicht auf die Nebenmenſchen auch geräuſchloſen Gehen, dann erweiſen wir ihren und