Aufsatz 
Turnsaal und Exerzierplatz : Eine Untersuchung über die Verschiedenheit militärischer und turnerischer Ausbildung als ein Beitrag zur Methodik des Turnunterrichts / von Hugo Ganz
Entstehung
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auf den Schüler in einer Weiſe beſchämend, dadurch daß ihm ſeine Abweichung von allen übrigen ſo ſehr ins Auge fällt, daß wohl kaum im ganzen Bereich der Pädagogik ein zweites, gleich brauchbares Mittel zur Förderung der geiſtigen und körperlichen Schlagfertigkeit gefunden werden kann immer unerbittliche exakte und ſchöne Ausführung vorausgeſetzt. Hier lernt, nebenbei bemerkt, der Lehrer ſehen; ſein Auge ruht auf der ganzen, rhythmiſch auf⸗ und abwogenden Schar und der geringſte Verſtoß eines einzelnen wird ihm ſichtbar als Verzerrung des ſchönen Geſamtbildes. Die Schüler führen die Übungen, wie ſchon oben geſagt, nicht ungern aus, wenn ſie nicht, wie leider oft geſchieht, zu ſehr in die Länge gezogen werden. Eine Viertelſtunde Ordnungsübungen durchſchnittlich iſt reichlich genug zur Erlernung des Ganzen, wie zur Erzielung der nötigen Aufmerkſamkeit und Geiſtesgegenwart als Endzweck des Ganzen.

Dieſe Übungen kann das Heer in ſein Schulungsſyſtem nicht aufnehmen. Es braucht ſie nicht, weil nicht Gewecktheit der einzelnen ſein Ausbildungsziel iſt, ſondern die mechaniſche Zuverläſſigkeit der Maſſe; es kann ſie nicht aufnehmen, weil ſie viel zu hohe Anforderungen an die Intelligenz der Truppen ſtellen würden. Wir kommen damit noch auf einige andere, ſcheinbar geringfügige Dinge zu ſprechen, die aber wieder höchſt charakteriſtiſch für den Unterſchied beider Inſtitutionen ſind. Im Heere wird ſtets linksangetreten beim Marſch, zur Erſparung des Kommandos inbetreff des Fußes, mit dem angetreten werden ſoll, und vor allem, weil der Soldat ja nicht angeleitet werden ſoll, blitzſchnell darüber nachzudenken, welchen Fuß er nun vorſetzen ſoll, ſondern ſo gewöhnt werden muß, daß es ihm niemals vorkommen kann, daß er den Tritt der Abteilung durch ein falſches Antreten ſtört. Gerade umgekehrt bei uns. Dieſe Erleichterung(Mechaniſierung) des Antretens ſoll abſolut vermieden werden, damit ſich niemand angewöhnt auf den Befehlmarſch! gedankenlos den linken Fuß vorzuſetzen. Es ſoll ſo oft wie möglich mit dem Antreten gewechſelt werden, nicht nur um einer Einſeitigkeit vorzubeugen, ſondern vor allen Dingen, damit ſelbſt in der einen Sekunde, die den ſo unbedeutenden Befehl einfaßt, der Schüler nicht bloß körperlich, ſondern auch geiſtig thätig ſein muß, in der ſchnellen Umwandlung des gehörten Befehls in die Bewegung des bezeichneten Körperteils. Wer einmal beobachtet hat, wie ſchwer es heute ſchon vielen wird, irgend eine Gehbewegung mit dem rechten Fuße zu beginnen, wird das Verlangen, beide Antrittsarten immerwährend wechſeln zu laſſen, gewiß nicht pedantiſch finden.

Daſſelbe iſt bei den Drehungen zu bemerken. Im Heere wird jede Drehung auf dem linken Ab⸗ ſatz ausgeführt, einmal weil ſonſt der Drehende ſich von ſeinem Platze entfernen würde, alſo die Richtung verloren ginge, alsdann weil die militäriſche Schneidigkeit derWendungen kaum auf einem Abſatz genügend gedrillt werden kann, geſchweige denn, daß es möglich wäre, den linken Fuß zur gleichen Wucht des Ab⸗ ſtoßens zu üben. Die Forderung derSchneidigkeit ſtellen wir nun nicht an unſere Schüler, dafür verlangen wir, daß ſie ſich auf beiden Abſätzen gleich gut drehen können(auf dem linken nach rechts, auf dem rechten nach links, weil bei uns die meiſten Drehungen im Gehen ausgeführt werden).

In dieſen untergeordnetſten aller Bewegungen, demAntreten und den Drehungen, zeigt ſich alſo ſchon der ganze Unterſchied der beiden Syſteme. Hier Drillung, Gewöhnung zur Einſeitigkeit, damit nie das Ganze durch einen Irrtum des einzelnen geſtört werden kann, dort Ver⸗ meidung der einſeitigen Gewöhnung, weil nichts mechaniſch, alles nach vorheriger Über⸗ legung ausgeführt werden ſoll. Eine Üübungſitzt bei dem Soldaten, wenn er halb ſchlafend auf den Schall des beſtimmten Kommandos, wie eine Maſchine nicht anders kann, als die beſtimmte Bewegung ausführen; ſieſitzt bei dem Schüler, wenn er ſie verſtanden hat und jederzeit fähig iſt, ſie auf den deut⸗ lich gegebenen Befehl auszuführen. Die große Anzahl der Übungen macht es auch glücklicherweiſe un⸗ möglich ein mechaniſches Einüben derſelben durchzuführen; es wird immer nötig ſein, erſt genau die Übung, die ausgeführt werden ſoll, anzugeben, darauf ſoviel Zeit zu laſſen, als der Schüler braucht, eine deutliche Vorſtellung derſelben zu erzeugen, und dann den kurzen Ausführungsbefehl zu geben.