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wo das verſäumt ſein ſollte, auf eine mit gebührender Beſcheidenheit vorgebrachte Frage eines Schülers, ohne Empfindlichkeit ausreichende Antwort zu geben. Wo unſere Schüler ſei es aus früherer ſchlechter Gewöhnung zum paſſiven Gehorſam oder aus geiſtiger Trägheit dies unterlaſſen ſollten, da müſſen wir bei paſſender Gelegenheit ſie immer und immer wieder aufmerkſam machen auf die Zwecke ihres Thuns. Denn es iſt eines heranwachſenden Menſchen unwürdig, etwas zu thun, deſſen Zweck er nicht klar er⸗ kannt und gebilligt hat. Erſt wirklicher Trotz gegen das für Recht erkannte, d. h. ein unſittlicher Wille muß bekämpft werden und allerdings bis aufs äußerſte, bis zu ſeiner Brechung. Das iſt aber ein Ausnahmefall. An und für ſich das ſelbſtändige Denken der Schüler zu ſcheuen und als beginnende Auflehnung unterdrücken zu wollen, wäre aber das ſchwerſte pädagogiſche Vergehen, Tyrannei ſtatt Be⸗ lehrung, ſo nahe dieſe Verwechslung militäriſcher und pädagogiſcher Begriffe heute auch vielen liegen mag.
IV. Ordnungsturnen und Ererrieren.
Die ſich für unſer Turnen ergebende Folge iſt zunächſt: Wegfall aller der Übungen, die einen ſolchen militäriſchen Drill des einzelnen zur Vorausſetzung haben. Alles Erzwungene in Haltung, Gang und Bewegung, das militäriſch„Straffe“ muß wegfallen und damit der militäriſche„Marſch“, der„langſame Schritt“, die„Stellung“,„Richtung“, das„Schließen“, die militäriſche Art der Wen⸗ dungen u. a. m. Für den militäriſch Ausgebildeten iſt es faſt unnötig zu bemerken, daß bei allen dieſen Übungen, wie ſie im Heere ausgeführt werden, das„Abgeriſſene“,„Ruckweiſe“— nur durch mindeſtens monatelange mühevollſte Detailübung erreicht wird, alſo als eigentlicher Drill für uns nicht in Be⸗ tracht kommt.
Was ſetzen wir nun an die Stelle dieſer Ubungen? Die militäriſche Haltung verwandelt ſich bei uns in die ungezwungene menſchlich freie, aufrechte; der„Marſch“ in ein ſchönes auf Körperhaltung und Richtung aufmerkſames„Gehen“(der militäriſche Gleichſchritt); die kurzen und ſchneidigen„Wen⸗ dungen“ in ein geräuſchloſes ungezwungenes„Drehen“, gewöhnlich nach dem Takte des im Heere nur höchſt ſelten verwandten„An Ort Gehens“.(T„Parademarſch— auf der Stelle getreten“!). Der langſame Schritt als bloße Vorübung für den ſpäteren Marſch, ferner Richtung und Schließen als Üübungen mit Gewehr kommen natürlich gar nicht in Betracht.
Unſer Ordnungsturnen— dem militäriſchen Exercieren entſprechend— iſt darum aber keineswegs beſchränkter als dieſes. Im Gegenteil. Wenn die Übung der militäriſchen Formationen(abgeſehen von ihrem Zweck der Disciplinſchulung) ſich lediglich auf Einübung der zum Gefecht und zum Marſch not⸗ wendigen Bildungen beſchränkt(Bildung der Sectionen, der Züge, der Kolonne nach der Mitte, der Kompagniekolonne, vielleicht noch des Karree's), ſo haben wir eine ſolche Einſchränkung nicht nötig. Wo die Heeresleitung Mühe genug hat, dem geiſtig und körperlich ungewandten gemeinen Mann die wenigen abſolut notwendigen Formationen einzuprägen, da beginnt für unſere aus den höheren Ständen genommenen Schüler erſt die Verknüpfung der Grundbewegungen. Aus dem Vor⸗Neben⸗ und Hinter⸗ reihen der einzelnen in der Reihe entſteht das ganze, komplizierte Gebäude der Ordnungsübungen, die Bildung der Reihe, des Reihenkörpers und Reihenkörpergefüges mit ſämtlichen Umreihungen, ein Ganzes, das von dem Lehrer erſt nach längerer Übung und nicht ohne angeſtrengtes Einarbeiten erlernt werden kann, und das für den Schüler ein abwechslungsvolles, geiſtig höchſt anregendes Übungs⸗ penſum bietet. Dieſe faſt reigenförmigen Bewegungen der Umreihungen mit ihrer ſtarken Inanſpruch⸗ nahme des rhythmiſchen Sinns üben Auge und Ohr des Schülers, wie des Lehrers; ſollen ſie exakt ausgeführt werden, und darauf muß der Lehrer unerbittlich dringen, ſo ſetzen ſie bei dem Schüler einen
hohen Grad von Aufmerkſamkeit und von Anſpannung voraus, und jeder Irrtum, jede Verſpätung wirkt 2


