8
Einwande ausgeſetzt, daß es vielleicht nur an der ungeſchickten Art der Üübertragung, an der mangel⸗ haften Ausführung gelegen hat, wenn die ſoldatiſche Methode in den Schulen nicht gedeihen wollte.
— Der Grund für die notwendige Verſchiedenheit der beiden Methoden iſt nun unſchwer einzuſehen; er liegt in der Verſchiedenheit des Zwecks der Soldaten⸗ und der Schülerausbildung. Der nächſte Zweck der militäriſchen Ausbildung iſt die Einheitlichkeit der Maſſe und die unbedingte Zuverläſſig⸗ keit jedes Einzelnen als eines Teiles dieſer Maſſe. Der Einzelne iſt hier nur wichtig als Teil des Ganzen.
Der Endzweck der Schulbildung und ſo auch des Turnens in der Schule iſt die Ausbildung des Eiuzelnen zur hüchſtmaglichen Leiſtungsfähigteit und Harmonie ſeiner Körper⸗ und Seelenkräfte.
Iſt ſomit im Heere die abſolute Ein⸗ und Unterordnung unter das Ganze, die gradezu mechaniſche Zuverläſſigkeit des Einzelnen als Teilchen der Maſſe, als die höchſte Tugend des Einzelnen anzuſehen, ſo iſt in der Schule die Übung der Ein⸗ und Unterordnungstugend nur eine und nicht die wichtigſte der pädagogiſchen Aufgaben, ja iſt nur inſoweit eine ſolche, als die Fähigkeit der Unterordnung eben auch eine der Eigenſchaften eines wohlentwickelten Menſchen iſt. Die Tüchtigkeit und die auf ihr be⸗ ruhende individuelle Freiheit, die Selbſtbeſtimmung oder mit einem geläufigeren Fremdwort, die Auto⸗ nomie des Einzelnen iſt unſer höchſtes Erziehungsziel; die abſolute Verleugnung⸗ des eigenen Willens, die Unterordnung unter die Autorität und einzige Bethä⸗ tigung des eigenen Willens auf Befehl des Vorgeſetzten iſt das Ideal militäriſcher⸗ Ausbildung. Man kann ſich die Gegenſätze nicht ſchroffer denken: Hier Autonomie des Einzelnen und allenfalls Unterordnung unter ſelbſterkannte Autoritäten, dort Setzung der Autorität als Erſtes, unbedingte Unterordnung aller Einzelnen unter ſie, und Exiſtenzberechtigung des Einzelnen unter ihr nur durch ihre Autoriſation. Der Soldat iſt der beſte, der am beſten gedrillt iſt; von den Schülern iſt der beſte, wer am meiſten denkt und gelernt hat, am ſelbſtändigſten zu handeln.
Aus dieſem Gegenſatz der oberſten Zwecke leiten ſich nun die erſten Verſchiedenheiten der Ausbildung ab. Der Soldat lernt nicht nur exercieren, um körperlich gewandt und marſchfähig zu werden, er lernt es vor allen Dingen, um ſich an den Gehorſam zu gewöhnen in fortdauernder Beherrſchung der eigenen Unluſt, Schlaffheit und abweichenden Willensrichtung. Wenn unſre Mannſchaften vor Pa⸗ ris langſamen Schritt geübt haben, ſo geſchah es nicht, um die verloren gegangene Eleganz des Mar⸗ ſchierens wieder herzuſtellen, ſondern um die auf jedem Schlachtfeld ſich lockernde Disziplin wieder zu feſtigen. Wenn der Parademarſch als Probeleiſtung einer guten Ausbildung gilt, ſo iſt das nicht, weil er ein ſchönes und imponierendes Schauſpiel bietet, ſondern weil er in Haltung, Richtung und Gewehr⸗ tragen der Einzelnen zeigt, daß jeder Einzelne gelernt hat, ſich vollſtändig dem Ganzen einzufügen, ſo daß uns nicht eine Reihe von Einzelnen entgegenzutreten ſcheint, ſondern eine bewegte aber in ſich un⸗ verſchiebbare Mauer.
Wir ſollen, wir dürfen ſolche Leiſtungen nicht erzielen wollen, weil ihre Vorbedingung, die Dreſſur, die bis zur mechaniſchen Zuverläſſigkeit getriebene Abrichtung des Einzelnen, unſerem Er- ziehungszwecke diametral entgegengeſetzt wäre. Was der Erwachſene, und doch nicht ganz ohne Schaden ſeiner Selbſtbeſtimmungskraft, über ſich ergehen läßt in Erkenntnis der Notwendigkeit einer ſolchen Unterordnungs⸗ übung, das würde den kindlichen Willen, anſtatt ihn zu ſtärken, brechen. Wir dürfen nie und nimmer auf unſeren Schulen eine brutale Unterordnung des jugendlichen Willens unter den des Lehrers fordern, ſondern nur eine auf dem Vertrauen in die Zweckmäßigkeit unſerer Anordnungen baſierende Aus⸗ führung dieſer Anordnungen. Ich ſtehe nicht an zu behaupten, daß es bei erwachſenen Schülern ſchon gera⸗ dezu eine Pflicht des Lehrers wird, aus freien Stücken den Zweck jeder ſeiner Anordnungen anzugeben und


