Aufsatz 
Turnsaal und Exerzierplatz : Eine Untersuchung über die Verschiedenheit militärischer und turnerischer Ausbildung als ein Beitrag zur Methodik des Turnunterrichts / von Hugo Ganz
Entstehung
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von den Schülern nicht ungern ausgeführt, wenn ſie nicht zu ſehr in die Länge gezogen werden. Aber das thut der Lehrer auch nicht. Noch iſt keine Viertelſtunde verfloſſen, eine Gruppe von Übun⸗ gen iſt erſchöpft, da entwickelt ſich durch eine neue exakt ausgeführte Ordnungsübung eine Aufſtellung, die jedem der Knaben Raum genug giebt, nach jeder Richtung hin Körperbewegungen auszuführen dergeöffnete Reihenkörper.

In Oberklaſſen entfernen ſich alle oder einzelne einen Augenblick von den Plätzen und kehren raſch wieder, belaſtet mit Stäben oder Hanteln, je nach der Anordnung, zurück. Alle ſtehen wieder re⸗ gungslos. Eine Gruppe von Freiübungen wird durchgenommen, in jeder Klaſſe andere, immer ſchwieri⸗ gere, kunſtvolle, elegante Bewegungen, immer taktmäßig, gleichmäßig und kraftvoll, ſchon wird die Muskulatur aufs äußerſte angeſpannt, die Schwächeren ermatten ein Halt!Stäbe oder Hanteln an Ort! Urſprüngliche Aufſtellung marſch! und ein Blick auf die Uhr zeigt uns, daß kaum ein Drittel der Stunde verfloſſen iſt. Raſch iſt eine neue Aufſtellung gewonnen, um eine An⸗ zahl von Geräten, die Schüler ſind nicht mehr nach der Größe geordnet, an jedem Gerät treten oben und unten in jeder Abteilung ein paar beſonders kräftige Schüler an, die Vorturner. Kaum eine Minnte iſt inzwiſchen verfloſſen der Lehrer tritt ans Gerät, erklärt eine Übung, zeigt ſie, die Vor⸗ turner folgen, treten dann zum Hilfeleiſten ans Gerät, raſch iſt die Übung von der ganzen Abteilung erledigt, nicht von jedem gleich geſchickt, aber von den meiſten mit gleicher Luſt und Anſtrengung ausgeführt; eine Anzahl Übungen werden durchgenommen gerötete Wangen und raſch gehender Atem zeigen uns, daß jeder ſeine Schuldigkeit gethan hat, und die blitzenden Augen verraten, daß es gern geſchah Drei⸗ viertel der Stunde ſind um, wieder ein kurzer Befehl und die Geräte werden lautlos und geſchwind an ihren früheren Ort gebracht kein Unfug war getrieben worden, und doch war keine Grabesſtille gefordert worden, es hatte eben keiner Zeit, Allotria zu treiben, denn jeder war körperlich und geiſtig fortwährend angeſpannt, blickte fortwährend nach dem Geräte, intereſſierte ſich fortwährend für das, was vorging.Im Hof antreten zum Schlagball, zum Barlauf, zum Grenzball! wie ſpringen, die einen Augenblick vorher ſcheinbar ſchon Erſchöpften! mit welchem Eifer wird geſpielt! die Stunde geht zu Ende, ein Ruf und alles ſtrömt zurück, die Röcke oder Jacken anzuziehen; aber ſieh da, dort an der Gerätekammer noch eine Schar Unermüdlicher, ſie haben die Stemmgewichte herausgeſchleppt und nun wird nochmals verſucht, ob die Arme noch ſtark genug ſind, ob der Dreißig⸗, der Fünfzig⸗, der Achtzigpfünder noch nicht zu ſchwer geworden iſt, und erſt das Nahen einer neuen Klaſſe oder der letzte Ruf des Lehrers verſcheucht die Nachzügler. Wo war da die Unluſt geblieben, die Verdroſſenheit und ihr ſteter Begleiter die Ungezogenheit? Nichts davon zu bemerken, und wenig Strafen waren verhängt, kein überlautes Wort war gehört worden. Das war nicht der Ton des Exercierplatzes, kein ſchnarren⸗ des Befehlen und ſteifes Gehorchen, ſondern deutliche Anordnungen und frohe, exakte Ausführungen derſelben. Und ſieh' da, der Lehrer ſtand mitten unter ſeinen Schülern, er rief dem dort mit der un⸗ ſchönen Haltung ein Scherzwort zu, ein fröhliches Lachen aus den Reihen war die Antwort und unauf⸗ haltſam weiter ging's nirgends Verlegenheit, nirgends der Ausdruck der Furcht, des Scheuſeins auf den Geſichtern der Magiſter da iſt ja auch nicht blos ein Gelehrter, der zwar weiß wie's im Cicero, aber nicht mehr, wie es in einem Knabenherzen ausſieht der turnt, der wandert mit ihnen, der iſt nicht blos ein Zuchtmeiſter, der iſt ein Freund der Jugend. Alſo war es doch nicht blos Phraſe, was der Herr Kandidat irgendwo geleſen hat, von den Beziehungen, die der Turnunterricht, wie kein anderer, zwiſchen Lehrern und Schülern knüpft; ſondern hier herrſcht wirklich ein freundſchaftliches Verhält⸗ nis zwiſchen dem Lehrer und allen Wackeren unter den Schülern, wie es ſich überall bei gemeinſchaftli⸗ chen freudigen Anſtrengungen ergiebt, beim Turnen alſo auch leichter als im andern Unter⸗ richt. Der Kandidat freilich hat zunächſt nicht ein Zehntel der geſehenen Übungen behalten; von