Aufsatz 
Turnsaal und Exerzierplatz : Eine Untersuchung über die Verschiedenheit militärischer und turnerischer Ausbildung als ein Beitrag zur Methodik des Turnunterrichts / von Hugo Ganz
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

dritteMann noch etwas heraus!Naſen gradaus! u. ſ. w. Und im feſten Stampfſchritt durch⸗ zieht die Schülerſchar den Turnſaal, umwirbelt von zarten Staubwölkchen, die ſich bald wohl⸗ thuend in Kleider und Lungen ſetzen. Nur ſchade es kommt kein rechterTritt heraus, dieDrehun⸗ gen klappen nicht, ein richtigesStilleſtehen iſt nicht zu erzielen u. ſ. w. Es fehlt eben die richtige Detailausbildung desMannes. Und man kann doch nicht erſtlangſamen Schritt üben und geſchwinden Schritt keineDrehungen u. ſ. w.; kann auch nicht eine ViertelſtundeStellung nach⸗ ſehen kurzum es fehlen die Unteroffiziere, die den Rekruten erſt ausbilden, ehe er in dieAbteilung geſteckt wird. Und erſt das Geräteturnen! Das Repertoir der militäriſchen Übungen iſt bald erſchöpft⸗ die Schüler langweilen ſich, der Lehrer langweilt ſich; während zwei Schüler turnen, ſtehen die andern dreißig und mehr unbeſchäftigt und dürfen doch auch nicht muckſen, das erlaubt doch dieDisziplin nicht o dieſe entſetzlichen Turnſtunden! Nun, es iſt ein Glück, es kommen ja jedes Jahr Acceſſiſten, denen man den läſtigen Turnunterricht aufladen kann, der um ſo läſtiger iſt, als er überall da, wo der Nachmittagsunterricht abgeſchafft iſt, dem Lehrer noch den freien Nachmittag verdirbt. Ja, gewiß es kommt in keiner Hinſicht bei dieſem Unterrichte etwas heraus, weder einerichtige Vorbildung für die Dienſtzeit noch ein Turnen wie in den Turnvereinen, noch irgend etwas für dasKraft⸗ und Geſundheitsgefühl der Jungen. Skeptiſch betrachtet von jetzt an der junge Lehrer alles, was irgendwo über die heilſamen Wirkungen des Turnunterrichtes geäußert wird und nimmt es ſchließlich mit dem Augurenlächeln hin, mit dem der etwas erfahrenere Lehrer jede pädagogiſche Phraſe anhört.

II. Der Turnunterricht nach Spieß'ſchen Grundſützen.

Aber aus dem Saulus kann doch noch ein Paulus werden. Der Zufall will, daß unſer Kandidat an irgend eine Anſtalt mit gut geleitetem Turnunterricht nach Spieß'ſchem Syſtem verſetzt wird. Er erkennt den Unterricht gar nicht wieder. Freudig, und nicht wie bei ihm verdroſſen, ſtrömen beim Be⸗ ginn der Stunde die Knaben in den Turnſaal; raſch entledigen ſie ſich ihrer Jacken und treten in leidlich gut gerichteter Stirnreihe an.Stellung! rechts richtet Euch! ertönt es vom Munde des Turnlehrers nicht allzu laut, grade laut genug, daß es bei ruhigem Verhalten der Schüler von allen gehört werden kann und raſch und geräuſchlos wird die genaue Richtung hergeſtellt.An Ort gehen, links antreten marſch! Faſt unhörbar geht die ſtattliche Schülerſchar an Ort es ſind ein paar Anfänger drunter, denen der Tritt verloren gehtbetont die rechten Tritte ſtampft! und raſch iſt der Tritt wieder gewonnen; die Gangart wird gewechſelt. Zehengang, Schritt⸗ wechſelgang an Ort und in der Vorwärtsbewegung kein lauter Tritt iſt vernehmbar, wenn es nicht beſonders angeordnet wird kein überflüſſiger Staub kein überlautes Befehlswort, die Bewegungen der Schüler ſind kräftig, die Haltung iſt ungezwungen ſie gehen wieder an Ort Drehungen wer⸗ den befohlen, wie an einer Schnur gezogen dreht ſich der ganze Reihenkörper in halben und viertels Drehungen und alles geräuſchlos! Das große Geheimnis der Maſſenbewegung, der Rhythmus, der den Lärm erſpart, hier wird er gegeben durch den Taktſchritt an Ort; wer Tritt gehalten hat, kann bei keiner Drehung zu ſpät kommen. Jetzt reihen ſie ſich taktmäßig vor, neben, hintereinander, an Ort und im Vorwärtsgehen, die Reihen ſchwenken, führen kompliziertere Bewegungen aus Rei⸗ hungen zweiter Art u. ſ. w. in 10, 12 Minuten führt die Klaſſe eine Reihe von Übungen aus, die dem Kandidaten Staunen erregen, immer neue, immer Abwechslung; das verhaßte Kapitel der Ord⸗ nungsübungen, mit dem der militäriſch⸗gewöhnte Kandidat gar nichts anzufangen wußte, das er ſo ſchnell zum Überdruß ſeiner Schüler erſchöpft hatte, zeigt ſich unerſchöpflich, überraſchend, intereſſant; von Sexta bis Ober⸗Secunda ſieht er in jeder Klaſſe neue, ſchwierigere Gruppen von Ordnungsübungen