Aufsatz 
Geschichte der Anstalt von 1837-1887
Entstehung
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In dieſer Denkſchrift wird zwar das Bedürfnis nach einer Realſchule als längſt empfunden anerkannt und die Bewilligung eines ſtaatlichen Zuſchuſſes von 3000 fl. freudig begrüßt, zugleich aber die Befürchtung ausgeſprochen, die Regierung verſtehe unterRealſchule eine höhere polytechniſche Schule. Eine ſolche aber diene ausſchließlich den Intereſſen der Induſtrie und habe in unſerem induſtriearmen Lande keinen Zweck. Insbeſondere in Gießen werde eine polytechniſche Schule mit der Univerſität und dem Gymnaſium in unerwünſchte Concurrenz treten; was namentlich das Gymnaſium anbelange, ſo halte man esfür eine unausweichliche Forderung der Zeit und zur Vorbildung für das Studium aller Wiſſenſchaften, wie ſie jetzt ſtehen und cultiviert werden, durchaus notwendig, daß in ihm demnächſt die neueren Sprachen und die ſogenannten Realien in größerer Ausdehnung als ſeither gelehrt werden; umſoweniger könne man daher die Gründung einer dieſen Zwecken dienenden beſonderen Schule für notwendig oder auch nur wünſchens⸗ wert erachten.

Als einzig nützlich und den Bedürfniſſen entſprechend wird eine praktiſche Gewerbeſchule bezeichnet, die den Handwerkern, zumal den Bauhandwerkern, eine beſſere Vorbildung gewähre; ſie müſſe die Volksſchüler im Alter von 1214 Jahren aufnehmen und bis zum 16. oder 18. Jahr mit beſtändiger Beziehung auf praktiſche Anwendung des Gelernten unterrichten. Eine ſolcheRealſchule werde eine weſentliche Lücke zwiſchen den gelehrten Inſtituten und der Volksſchule ausfüllen; den Realſchülern eigent⸗ liche gelehrte Kenntniſſe beizubringen möge wohl eher ſchädlich als nützlich ſein. Brauche ein geweſener Realſchüler ſolche, ſo ſtehe ihm ja demnächſt die Univerſität offen. Die Stellung des Lokals und insbeſondere die Herrichtung einer Wohnung für den Direktor lehnte der Gemeinderat unter Hinweis auf die ohnehin ſchon beträchtlichen Koſten der zu gründenden Schule und auf die auf der Stadt ruhende bedeutende Schuldenlaſt, ab.

Erſt im Januar 1835 erfolgte auf dieſe Denkſchrift eine Antwort des Großh. Ober⸗Schulrates, der damaligen oberſten Schulbehörde des Landes. Die Befürchtungen der Stadt, als handle es ſich um ein Polytechnikum, werden als irrtümlich widerlegt; es ſei lediglich von einer Realſchule für Knaben bis etwa zum 16. Jahre die Rede. Eine eigentliche Gewerbeſchule, wie die Stadt ſie wünſche, erheiſche wegen der erforderlichen Werkmeiſter, Werkſtätten und Materialien offenbar weit größere Geldopfer, als die von der Regierung bezweckte 4klaſſige Schule. Dieſe ſolle die Jugend vom 11. bis 16. Jahre zur künftigen einſichtsvollen Betreibung von Gewerben und Künſten vorbilden, namentlich von ſolchen, zu denen entweder mathematiſch⸗phyſikaliſch⸗mechaniſche oder technologiſch⸗chemiſche Kenntniſſe, nebſt Fertigkeit im Zeichnen und Modellieren gehören. Ebenſo ſolle die Realſchule diejenigen jungen Leute mit der nötigen Schulbildung verſehen, die ſich künftighin dem techniſchen Staatsdienſte zu widmen gedächten.

Auf dieſen Beſcheid hin beauftragte der Gemeinderat am 31. Januar 1835 eine Commiſſion, be⸗ ſtehend aus den Gemeinderäten Prof. Dr. Vogt, Aßmus und Gail, mit eingehender Berichterſtattung, die denn auch alsbald erfolgte und den Gemeinderat am 14. März 1835 in längerer Sitzung beſchäftigte. Das Ergebnis war eine neue ausführliche, von Prof. Dr. Vogt Namens der Commiſſion verfaßte und vom Gemeinderat genehmigte Denkſchrift, die am 19. März dem damaligen Landtagsabgeordneten Geheimen Med.⸗Rat Prof. Dr. Ritgen zur Einſicht und mit der Bitte überreicht wurde, auf ihre thunlichſte Be⸗ rückſichtigung bei Großh. Regierung hinzuwirken.

Die von dem Ober⸗Schulrat über die beabſichtigte Organiſation erteilte Auskunft wird in dieſer Schrift als noch immer nicht deutlich genug bezeichnet und zugleich wird ein kurzer Plan beigefügt, der nach Anſicht des Gemeinderats der Realſchule zu Grunde liegen müſſe.