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Dies Bild einer Klostergemeinschaft gibt uns die Regel Isidors von Sevilla; wir sehen, dass wir hier einen festen, wohlgefügten Bau vor uns haben. Wie weit scheint diese Regel nun geistiges Eigentum des Verfassers zu sein und inwieweit beruht sie etwa auf Entlehnung aus anderen Regeln?
II. Abhängigkeit Isidors von früheren abendländischen Mönchsregeln.
Der Verfasser unserer Regel erhebt selbst nicht den Anspruch auf eigene Arbeit; er sagt in der Einleitung: Plura sunt praecepta, vel instituta maiorum, quae a sanctis Pratribus sparsim prolata reperiuntur, quaeque etiam nonnulli latius, vel obscurius posteritati composita tradiderunt, ad quorum exemplum nos haec pauca vobis eligere ausi sumus, usi sermone plebejo, vel rustico, ut quam facillime intellegatis, quo ordine professionis vestrae votum retineatis. Holstenius und die weiteren Herausgeber des Codex regularum behaupteten nun, die Regel sei einfach auf Benediktinischer Grundlage erwachsen: Holst. I S. 187: Deni- que si hanc Isidori Regulam ricte attendamus, tunc et illam ex disciplina Benedictina de- sumptam agnoscere debemus; nam eodem modo manuum laborem, jejunia, lectiones, divinum officium, aliaque munia monastica praescribit: vult etiam monachos in eodem dormitorio pausare, in eadem mensa reficere, atque singulis denis Decanum invigilare mandat. Quae omnia ex Regula S. Benedicti desumpta esse videntur, quam proin suis Monachis observan- dum proposuit, paucis superadditis loco et regioni magis accomodatis. Diesem Urteil schliesst sich auch Montalembert im 12. Bande seines Werkes: Les Moines d'occident, S. 201 an: II n'est pas absolument démontré, qu'il(Isidore) ait été moine, comme plusieurs l'ont soutenu. Mais il est difficile d'en douter quand on lit la Règle qu'il a écrite en vingt-trois chapitres à l'usage des religieux de son pays, et qui n'est guère qu'un extrait de la Règle bénédictine dont son frère Léandre avait dü le pénétrer. Anders urteilt nun aber nach dem Vorgange von Bähr ¹) und Gams. ²) Zöckler in seinem Buche„Askese und Mönchtum“ Bd. 2, S. 376 f.: „Die dem Isidorus von Sevilla beigelegte Regel in 23 Kapiteln bietet zwar Berührungen mit Benedikts Codex, z. B. in ihren auf Arbeiten, Psalmensingen, Fasten der Mönche bezüglichen Bestimmungen(c. 6. 7. 10. 12), doch hält sie sich ihr gegenüber unabhängig, so dass ihre Auffassung als einer zur Benediktinerfamilie gehörigen Urkunde irrig ist.“ Noch schärfer drückt dasselbe R. Schmidt(a. a. O. S. 450) aus: er nennt die Regel„eine mit der Benediktinerregel in keinem Verwandtschaftsverhältnis stehende, wenn auch von ihr sachlich nicht sehr verschiedene Mönchsregel.“
Bei allen diesen Urteilen scheint mir eine gewisse Einseitigkeit vorzuliegen, die schon in der Fragestellung begründet ist; man hat immer zu sehr nur eine Antwort darauf gefordert, ob Isidors Regel von der Regel Benedikts abhängig sei oder nicht, anstatt zuerst eine all- gemeine Untersuchung anzustellen, wie sie sich zu den gesamten früheren Mönchsregeln über- haupt verhalte.“) Diesen Weg wollen wir nun jetzt einschlagen und werden unsere Regel deshalb vor allem mit den grossen Hauptregeln vergleichen, die vor Isidor im Abendland eine Rolle spielten, aber auch die meisten der kleineren, weniger bedeutenden Regeln werden wir dabei nicht völlig unbeachtet lassen.
Folgende Urkunden scheinen mir hier in Betracht zu kommen:
1) Regula sive Institutiones D. Joannis Cassiani, Abbatis Massiliensis, Libris IV com- prehensa(ca. 416 geschrieben, Holst. III-3:; Zöckler, a. a. O. IIaao- 346(= Cass.).
2) S. Augustini, Hipponensis Episcopi, Epistola 109(211). Regulam Sanctimonialibus praescriptam continens, quam ad sororem suam misit anno 423(Holst. Iaar— 51; Zöckler II 347 f) (= Aug.).
1) Bähr, Geschichte der römischen Literatur, Supplement II(S. 462). Karlsruhe 1836.
2) Gams a. a. O. S. 108.
3) Benedikt von Aniane(†⁵ 821) zieht in seiner„Concordia Regularum(MSL 101,01— 1380) natürlich auch unsere Regel zum Vergleich heran; diese Nebeneinanderstellung kann uns aber hier nicht nützen, da sie von vornherein nur dem Zwecke dient, die UÜbereinstimmung mit der Benediktinerregel zu erweisen.


