Aufsatz 
Die Regula monachorum Isidors von Sevilla und ihr Verhältnis zu den übrigen abendländischen Mönchsregeln jener Zeit / von Rudolf Klee
Entstehung
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Von Bedeutung ist es dabei, dass sich alle diese Gleichartigkeiten auf einem verhältnis- mässig kleinen Raume in den andern Werken Isidors finden: Etymologiarum lib. VII, cap. XIII (MSL 293/294); Quaestiones in Vet. Testam.(in Leviticum) cap. XIIIg; Seutent. lib. III cap. XVII XXII(MSL 83, 693 697) und De Offic. lib. II, cap. XVII. Die natürlichste Erklärung für jene Merkmale scheint mir da doch die zu sein, dass jene Stellen und die Regel ein- und denselben Mann zum Verfasser haben. Zur völligen Lösung der Echtheitstrage würden nun noch zwei Punkte zu untersuchen sein: Ist der Stil in der Regel derselbe wie der in den übrigen Werken Isidors? und: Ist die Arbeitsweise, vor allem die Benutzung der Quellen in beiden Fällen die gleiche? Von einem Eingehen auf den ersten Punkt sehen wir hier bei dem mittelalterlichen Schriftsteller ab. Mit Recht sagt Dzialowski in seiner ArbeitIsidor und Ildefons als Literarhistoriker,¹) bei einer solchen Stilvergleichunglaufe man fortwährend Gefahr für Merkmale individueller Identität zu halten, was nur Merkmale genereller Identität seien. Ob der zweite Weg uns bestimmter zum Ziele führt, können wir erst am Schluss nach der genaueren Analyse der Regel beantworten. Zu dieser unserer Hauptaufgabe gehen wir nun im folgenden über.

I. Inhalt der regula monachorum.

Die Regel Isidors ²) enthält in 24 Kapiteln Verordnungen für die Gestaltung frommen Lebens im Manneskloster; ein irgendwie geschlossener Gedankengang freilich liegt dabei der Aufeinanderfolge der einzelnen Abschnitte nicht zugrunde; wir weichen daher in unserer Dar- legung von dieser Reihenfolge ab und ordnen des klareren UÜberblicks wegen den Inhalt nach sachlichen Hauptgesichtspunkten. ³)

A. Passive Pflichten der Mönche.

Ein erster Kreis von Vorschriften schliesst sich im weiteren Sinne um die Forderung der Selbstverleugnung; es sind dies die Gebote der Verzichtleistungen auf Lebensgüter, wie sie im Grunde schon in den alten Gelübden der castitas, paupertas und oboedientia auf- erlegt wurden.

1. Der Geist, der aus den gesamten Satzungen zu uns spricht, will in erster Linie auf strengste Beachtung der castitas dringen, der Sexualaskese jeder Art. Ein richtiges Gefühl hält den Verfasser zwar davon zurück, dem Gegenstande an sich in unmittelbarer Form einen besonderen breiteren Abschnitt zu widmen, doch einige kurze Sätze lassen auch auf diese Weise erkennen, wie ernst es ihm mit diesem Grundsatze mönchischen Lebens ist. An mehreren Stellen wird vollkommene Keuschheit der Tat und der Gesinnung gefordert. Cap. 17: Graviori autem culpae obnoxius est,..... si feminarum familiaris(quisquam sit); cap. 3 3 u.4(monachus) a turpibus verbis vel otiosis linguam avertat, atque indesinenter cor murdum labiaque exhibeat. Affectus quoque animi turpes ab intentione cogitationis abstergat, per compunctionem cordis in stadio se sanctae meditationis exerceat.¹) In vollem Masse ersehen wir die hohe Bedeutung, die diese Askese in der Regel erhält, aber erst aus der Art, wie sie eigentlich den Ausgangs- punkt bildet für eine Reihe weiterer Bestimmungen.

So scheint im Mittelpunkt der Speisevorschriften das Wort zu stehen: Non erit usque ad satietatem reficiendum corpus, ne forte intereat animus; nam ex plenitudine ventris cito excitatur luxuria carnis(cap. 94,). Darnach gelangt Isidor in weiser Milde für die Einzel- verordnungen zu dem obersten Leitsatz: Tanta cum discretione reficiendum est corpus, ut nec nimia abstinentia debilitetur, nec superflua edacitate ad lasciviam moveatur. In utroque ergo temperantia adhibenda est, scilicet, ut et vitia carnis non praevaleant, et vis ad ministerium

1) a. a. 0. S. 82.

2) Wir behalten den Verfassernamen Isidor im folgenden bei, wenn hier auch die Frage der Autor- schaft noch nicht völlig entschieden ist.

3) Eine kurze Inhaltsangabe im wesentlichen im Anschluss an die Kapitelfolge bietet Collombet a. a. O. S. 307 313.

4) Vgl. noch cap. XIIIS-5 und einzelne Sätze aus cap. XVII.