Aufsatz 
Hessische Aktenstücke aus den Pestjahren 1666 und 1667 / Ferdinand Bodenstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſondern nebenhin gewieſen werden, undes ſoll auch der ordinari Poſt weiter außer der Statt logirt, die Brieffe aber der Postilion dem H. Poſtmeiſter ins Hauß lieffern. Dieſer Beſchluß erklärt alſo, daß die Peſt ſowohl nördlich von Friedberg, alsauch etlichen herwerts benachbarten Enden in der Wetteraw vnd vffm Land eingeriſſen war. Allein nicht erſt im Juli, ſondern ſchon im Anfang des Jahres 1666 muß die Seuche zwiſchen Kaſſel und Frankfurt aufgetreten ſein, denn ſonſt würde nicht die Stadt Frankfurt in einer Verordnung an ihre Güterbeſtätter(vom 26. Januar 1666) verlangt haben, daß die Güter von Kaſſel mit einem Atteſt verſehen ſein ſollen. Wie es in der zweiten Hälfte des Jahres 1666 und dem größten Teil des folgenden Jahres mit der Verbreitung der Peſt beſtellt war, iſt nicht bekannt. Erſt aus dem Herbſt 1667 iſt wieder ſicher ein Peſtfall bezeugt. Ein Mann hatte die Krankheit nach Sachſenberg, in der Nähe Frankenbergs, in das Haus eines Pförtners, geſchleppt. Der Fremdling, wie die Frau des Hauſes ſamt den Kindern erlagen der Krankheits.

Über die Abſperrungsmaßregeln Heſſen⸗Kaſſels, namentlich Frankfurt gegenüber, kann man kein klares Bild gewinnen. Wie es ſcheint, ließ es den Verkehr mit Frankfurt im Jahre 1665 uneingeſchränkt, trotz des Auftretens der Peſt zur Herbſtmeſſe und der Banniſierung Frankfurts durch verſchiedene Regierungen. Erſt Anfang 1666 erfolgte darin eine Veränderung, jedenfalls infolge irgend eines alarmierenden Gerüchtes. Die Regierung zu Marburg teilte der heſſiſchen Regierung in Gießen mit, daß nach einem Befehl von Kaſſel aus, keine von Frankfurt kommenden Fuhren oder Per⸗ ſonen durch die Kaſſeliſchen Städte durchgelaſſen, noch weniger beherbergt werden ſollten. Auch ſollte die Poſt Caleſch hinfüro zu Ebsdorff ablegen, ingleichen die reytendte Poſt zu Cappel, ohnfern Marpurg, ablegen, und die briefe zuvor wohlbereicherts eingebracht werden4.

Thatſächlich war die Peſt damals in Frankfurt nicht ſchlimmb, und ſo konnte die Stadt mit gutem Gewiſſen nach Kaſſel berichten, daßdie Sach vff vnerfindlicher delation beſtehe. Nur ver⸗ einzelte Fälle von Peſt ſeien vorgekommen, die meiſten, und beſonders Kinder, ſeien 4 Röteln und Purpeln geſtorbens. Daraufhin hob die Landgräfin Hedwig Sophie die Sperre wieder auf.Den fuhren und Poſtwagen ſowohl alß postillions ſambt darbey befindlichen Perſonen, ſo Zeugnüs ihrer geſundheit [von Frankfurt] vorzeigen können, wurde der ungehinderte Verkehr geſtattet:.

Heſſen⸗Kaſſel ging ſogar noch weiter. Es ſchloß ſich den Bemühungen Heſſen⸗Darmſtadts, Fuldas, der Kur⸗Pfalz und anderer an, um Frankfurt von dem Banne befreien zu helfens. Im Sommer 1666 freilich trat eine Wendung in dem Verhalten Heſſen⸗Kaſſels ein. Die Seuche wütete in Frankfurt furchtbar und drohte, auch nach dem Heſſen⸗Kaſſeliſchen Gebiet zu dringen. Zur Abwehr dagegen erließ die Landgräfin Hedwig Sophie am 1. Auguſt 1666 einen gedruckten Erlaß an ihre Unter⸗ thanen?. Die Verfügung deckt ſich dem Inhalt und oft auch der Form, ſogar den einzelnen Rede⸗ wendungen nach, mit der von der Heſſen⸗Darmſtädtiſchen Regierung am 5. Juli 1666 erlaſſenen 14. Es

1 F. O. A. 1, Nr. 130.

² Bericht der Beamten zu Frankenberg an die Regierung zu Marburg, 6. November 1667, und Antwort der⸗ ſelben, 8. November 1667. Marburger Staatsarchiv.

² Das Räuchern als Infektionsmittel war allgemein üblich, vgl. Haeſer, Lehrbuch der Geſchichte der Medicin und der epidemiſchen Krankheiten, III. Band, S. 137, III. Auflage, Jena 1882, und Hellinghaus, die letzte Peſtepidemie in Münſter(1666 1667) und ihre Bekämpfung durch Biſchof Chriſtoph Bernard von Galen, S. 7, Münſter 1898. Beilage zum Jahresbericht des Realgymnaſiums zu Münſter i. W. Räucherung der Briefe ſ. auch F. C. A. I, Nr. 103.

¹ Schreiben Scheffers zu Gießen an Dr. med. Horſt in Frankfurt, 12. Januar 1666, F. C. A. I, Nr. 144.

ſ. o. S. 2. 6 F. C. A. I, Nr. 117, 20. Jannar 1666.

*F. C. A. I, Nr. 125, 23. Januar 1666. Beſtätigung dieſer Maßregel in einem Schreiben Frankfurts an die fürſtl. Regierung zu Würzburg, F. C. A. I, Nr. 143, 10. Februar 1666.

s8 F. C. A. I, Nr. 214, 8. März 1666.

* ſ. o. S. 18. Erwähnt auch bei Rommel, a. a. O. IX, S. 137.

¹⁰ ſ. o. S. 5 f. Die Ähnlichkeit iſt ſo auffallend, daß eine Beeinfluſſung der einen Verfügung durch die andere nicht unwahrſcheinlich iſt.

3*½