Aufsatz 
Hessische Aktenstücke aus den Pestjahren 1666 und 1667 / Ferdinand Bodenstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

lichkeitsziffer, im Gegenteil, es ſind nach der Zahl der Todesfälle zu urteilen, außerordentlich geſunde Jahre geweſen. Oft ſtarben in einem Monat nur 24 Perſonen, im Gegenſatz zu dem ſchrecklichen Peſtjahr 1635, wo 40, ja 67 Perſonen monatlich ſtarben¹. Überall finden ſich ſonſt in dem Kirchen⸗ buche Vermerke, wenn eine abſonderliche Todesurſache vorlag, bei Peſtfällen oft ein P. In den Jahren 1665 1667 fehlen ſie ſonderbarerweiſe gänzlich. Auch das Protokoll der Ratsherrn⸗Brüderſchaft?, das die Todesfälle ſeiner Mitglieder und ihrer Familienangehörigen anführt, läßt nirgends eine auffallend große Sterblichkeit in jenen Jahren erkennen. Soviel ſcheint ſicher zu ſein, daß die Stadt bis zur Mitte des Jahres 1666 ganz von der Krankheit verſchont blieb; denn ſonſt hätte man nicht gerade damals die eingehendſten Vorſichtsmaßregeln gegen die Peſt getroffen. Man hatte nur noch zu lebhaft das ſchreckliche Jahr 1635 in Erinnerung und rüſtete ſich, geſtützt auf die Erfahrungen von damals, den unheimlichen Gaſt zu empfangen. Der Stadtſchultheiß ließ es an nichts fehlen. Er verlas am 29. Juni 1666 das Reſkript der Regierung vom 27. Junis dem Gemeinderat und der Bürgerſchaft, benachrichtigte den Stadtapotheker davon und ſchickte ſogar Herrn Dr. Engelhard, dem andern Apotheker, das Original⸗

chriſtlich zur Erde beſtattet worden. Obiit peste. 4. Januar. iſt Anna Catharina Johannes Maier ſeine Tochter be⸗ graben worden. 9. Januar iſt Anna Catharina Johannes Maier ſeine Ehefrau begraben worden. aet: 40 J. NB. Dieſer Johannes Maier iſt an infccirte orter leider wieder der Obrigkeit Verbott gelauffen und hatt die ſeuche auff ſolche weiſe hieher gebracht, die ſeinige haben alſo ſeiner entgelten müſſen, der Liebe Gott wölle uns ferner behüten. 16. Januar iſt Justus Dickhaut peste geſtorben und begraben worden. Dieſſer Man iſt freiwillig in des Balbierers Hauf gegangen, den krancken Kindern zu warten, iſt aber darüber geſtorben. Am 4. Februar ſtarb auch noch ein Sohn Dickhauts an der Seuche. Jedenfalls war dieſer Johann Maier nur deshalb an die infizierten Orte gegangen, um als Peſtbarbier ſich Geld zu verdienen. Er richtete ſich, ſeine ganze Familie und viele ſeiner Mitbürger damit zu Grunde.

Auch in Auerbach war die Peſt. Es ſtarben an ihr im Jahre 1666 drei Perſonen. Trotzdem iſt die Sterb⸗ lichkeitsziffer jener Jahre normal. Sie beträgt für 1665: 7; 1666: 5; 1667: 3; 1668: 10 Perſonen. Der Pfarrer Wigelius hat in das Auerbacher Kirchenbuch folgenden Antrag über die an der Peſt Verſtorbenen gemacht:

Den 6. November hat Dietrich Guttmann ein böſer Calviniſt und Gemeinsmann allhier ſeinen verlauffenen Sohn Johann Conrad ſo das vorige Jahr aus ſeinem Dienſt bei Philips Sawern gelauffen und ihm nicht allein ſein Pferd uff den Tod mutwillig mit einer Zülen(?) geſtochen, in Meinung(wie er ſelbſt zu Gundersblum bekannt und ſich dieſer That gehabt), es würde daran ſterben, ſondern auch noch andere Knecht verführet, daß ſie auch mit ihm aus ihrem Dienſt von hier hinweggelauffen. Dieſer geſelle hat die Seuche mit ſich anhero gebracht, da er dann von ſeinen Eltern etzliche Tage krank heimlich gehalten und als die Obrigkeit nach ihm bei der Mutter gefragt, iſt er von ihr verleugnet worden, bis daß er bei ihnen geſtorben. Da die Eltern zwar um ein ehrlich Begräbnis für ihn bei mir anhalten laſſen, habe es Ihme aber, weil ſie ihn wieder das publieirte fürſtl. Edict auffgenommen und heimlich be⸗ halten gehabt abgeſchlagen, und hat der Vater ihn ſelbſt in ſeinem Garten begraben müſſen. Ex hac ratione, ut eo magis infectio et terror caveatur. Es iſt auch ſo bald darauff Ihm von unſerm Schultheißen ſehr hart anbefohlen worden, ſich mit ſeinem Weib und 5 Kindern in ſeinem Hauſe einzuhalten, da ihm dan Holz nnd Waſſer von der Ge⸗ meinde allhier in ſeinen Hof beigeſchafft worden. Es hat aber noch keine 14 Tage angeſtanden, ſind ihm 2 Kinder krank worden an dieſer Seuch, und eine auch geſtorben.

Den 27. November ward Barbara, des gedahten Dietrich Guttmanns Töchterlein, ſo Peste geſtorben, des Morgens um 5 Uhr beim Monatſchein, vermöge fürſtl. gethaner Verordnung und dem großen Glockengeleut begraben. ſeines Alters 23 Jahr.

Den 28. November ward Johann Georg Dietrich Gutmans Söhnlein, ſo auch peste geſtorben eodem modo begraben. Dieſen beiden verſtorbenen Kindern habe ich folgenden Tag vermöge der publioirten Ordnung, um 12 Uhr mit Klang und Geſang von Jerem. Gailmanns Haus an zur Kirchen eine Leichenprooession und Leichenpredigt gehalten. Die hierüber ergangenen Verordnungen lege in Actis et notatis Eoclesiasticis. Es ſind auch dieſem mehr beſagten Dietrich Guttmanne zwar ſeine anderen Kinder auch krank worden, aber durch Gottes Gnad wiederum auf⸗ kommen, es iſt auch die Seuche weiter nicht eingeriſſen, dafür wir Gott dem Barmherzigen und Allmächtigen nicht ge⸗ nugſam danken können, derſelbe wolle uns ferner mit ſeinem allmächtigen Schutz dafür bewahren.

¹ Vgl. auch Walther, Darmſtädter Antiquarius S. 104.

² Die Rathsherrn⸗Brüderſchaft iſt eine Vereinigung von Darmſtädter Bürgern, die die Beerdigung ihrer Mit⸗ glieder und deren Angehörigen beſorgt.

s ſ. o. S. 5.