Aufsatz 
Hessische Aktenstücke aus den Pestjahren 1666 und 1667 / Ferdinand Bodenstein
Entstehung
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Wochen ſpäter, wo es in einem Schreiben vom 12. Mai 1667(Kur⸗Mainz an Würzburg) heißt¹, daß Heſſen, Kur⸗Trier, Pfalz, Württemberg und andere benachbarte Staaten den ihrigen wiederum erlaubt haben, nach Frankfurt zu handeln, jedoch dergeſtalt, daß bei Leib⸗ und Todesſtrafe keiner weder in die Häuſer, in denen die Peſt geweſen war, gehen, noch Waren oder Mobilien daraus kaufen ſollte. Die Poſt ging in jenen Tagen wieder ungehindert zwiſchen Frankfurt und Heidelbergs.

Überhaupt war Heſſen nicht ſehr ängſtlich. Am 17. Februar hatte der Landgraf Ludwig VI. (1661 1678) ſeinen Einzug in Frankfurt gehaltens. Er führte damals ſeine zweite Gemahlin, Eliſabeth Dorothea, eine Prinzeſſin von Sachſen⸗Gotha, von Friedenſtein bei Gotha über Hersfeld nach Darmſtadt4. Bis Frankfurt hatte der Landgraf ſeine Gemahlin geleitet, von dort eilte er ihr nach Darmſtadt voraus5.

Auch verkehrten die heſſen⸗darmſtädtiſchen Unterthanen ungehindert mit Hanau, das von der Peſt ergriffen war und auf der Liſte der infizierten Städte ſtandé. Heſſen⸗Darmſtadt brauchte eben keine Rückſicht zu nehmen. Es ſtand nicht in der Reihe der Staaten, die in der großen Handelswelt von Bedeutung waren.

Seine Märkte nahmen im Jahre 1667 ihren gewöhnlichen Verlauf, wenigſtens iſt dies von denen der Stadt Darmſtadt nachweisbar. Von dem Gertraudenmarkt wird berichtet!, daß er am 19. März abgehalten werden ſolltevermittelſt hiebevorigen ſorgfältigen Anſtalts. Eine Abſage der übrigen Darmſtädter Märkte wird nicht erwähnt, ſie fanden alſo jedenfalls ſtatts.

Üüberblickt man zum Schluß noch einmal dieſe wechſelvollen Jahre, ſo zeigt ſich im großen und ganzen ein ziemlich gleichmäßiges Verhalten Heſſen⸗Darmſtadts Frankfurt gegenüber. Die Ausſchließung der Frankfurter vom Andreasmarkt 1665 geſchah im erſten Schrecken über den Ausbruch der Peſt. Die Frankfurter machten damals auch gar keinen Verſuch, den Marktbeſuch doch noch zu erlangen. Im Jahre 1666 erfolgte der Verkehr mit Einſchränkung, die Niederlage in der Frage über einen dritten Ort vor Frankfurt zum Warenaustauſch, der Gegenſchlag: die Ausſperrung der Frankfurter vom l haene markt. Das Jahr 1667 war nicht ſo gefährlich wie 1666. Der Verkehr blieb gegen Atteſte frei.. Anfang des Jahres 1668 war die Gefahr vorüber.

4 F. G. A. IV. S. 619. F. C. A. IV, S. 617. Frankfurt an Augsburg, 10. Mai 1667. 3 F. C. A. IV, S. 581 und 584. Rommel a. a. O. IX, S. 461.

Walther, Antiquarius S. 135. Weitere Belege für den Verkehr von Darmſtädter Bürgern nach Fraukfurt ſind D. R. Pr., 25. Juli 1667 und F. C. A. V, S. 98. P. S. vom 7. November 1667.

s Neu⸗Hanau an Frankfurt, 9. Dezember 1667, F. C. A. V, S. 158:..Sondern auch die Hochfürſtl. Heßen⸗Darmbſtattiſche vnterthanen ohne ſchewe hierein zukommen, allerhandt wahren feyl zubringen, vnd hiengegen hieſige wahren, Selbſten ahn wällenen Tüchern, vnd zwar gar zur Fürſtl. Liberey einzukauffen pflegen.

7 D. R. Pr., 9. März 1667.

s Dagegen ließ die Stadt Bensheim ihren auf den 17. November(n. St.) fallenden Martinsmarkt auf Befehl ihrer Ober⸗Amtleute ausfallen, vgl. F. C. A. V, S. 63 und D. R. Pr., 28. Oktober 1667.

* Die Frage, ob Heſſen⸗Darmſtadt in jener Zeit von der Peſt ergriffen war, blieb unerörtert, da das Material zur Beantwortuug dieſer Frage bis jetzt fehlt.[Der Verfaſſer würde weiteres, ihm zugeſandtes Material, namentlich aus den im Jahre 1666 heſſiſchen Gebieten, aber auch aus dem Gebiet des heutigen Großherzogtums Heſſen mit Dank annehmen.] Es hat den Anſchein, daß eine über ganz Heſſen⸗Darmſtadt verbreitete Epidemie nicht herrſchte. Betreffs Oſberheſſen ſteht nur ſoviel feſt, daß in Gießen und Alsfeld direkt ſich keine Peſt nachweiſen läßt, beide alſo wahr⸗ ſcheinlich damals von einer Peſtepidemie verſchont blieben. In Gießen ſtarben nach dem Kirchenbuch: 1665: 98; 1666: 135; 1667: 141; 1668: 105 Perſonen. Ein Vermerk über das Vorkommen der Peſt, der ſich regelmäßig bei den 1635 der Krankheit Erlegenen findet, fehlt. Nur vom 14. März 1665 wird berichtet, daß zwei oſtfrieſiſche Studenten an einem hitzigen Fieber geſtorben ſeien. Die Bezeichnung der Krankheit iſt aber zu allgemein, als daß man ſie auf die Peſt beziehen müßte. Auch von dem Vorkommen der roten Ruhr wird nichts berichtet. Die erhöhte Sterblichkeit der Jahre 1666 und 1667 iſt demnach nicht aufzuklären. In Alsfeld ſtarben nach Angabe des Kirchenbuchs: 1665: 60; 1666 40; 1667: 44; 1668: 76 Perſonen. Die Sterblichkeit iſt innerhalb des Jahrzehnts von 16601670 normal. Unter den im Jahre 1665 und 1668 Verſtorbenen waren viele Kinder. Eine Bezeichnung für das Vorkommen der Peſt, wie im Jahre 1635, iſt in dem Kirchenbuch nicht vorhanden.