Aufsatz 
Dr. Conrad Mel : weiland geistlicher Inspector und Rector des Gymnasiums zu Hersfeld ; ein Lebensbild aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts / von Alexander Vial
Entstehung
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dadurch erst aufhöre ein opus operatum zu sein und zu einer Wahrheit werde ¹). Denn wenn dem nicht so wäre, so lasse sich nicht erklären, warum doch von zwei Menschen, welche die gleichen Gnadenmittel hätten, der eine bekehrt werde, der andere verstockt bleibe ²).

Der Standpunkt, den er damit einnahm, war ein so idealer, dass nicht allein die confessionellen Schranken vor demselben fielen und er erkannte,wie Gott noch hin und wieder unter den verschiedenen Namen der Religionsverwandten viel Tausend Seelen habe, die den Fehler ihrer Religion, worin sie geboren, gar nicht approbiren, sondern Gott so dienen, wie er sich geoffenbaret hat, die den Menschentand verwerfen, die nicht Alles gut heissen und mit einem blinden Glauben annehmen, was und weil es ihre Geistlichen sagen, sondern Alles prüfen und das Gute behalten ³), sondern dass er auch nicht genug protestiren konnte gegen die Veräusserlichung und das Zerrbild dessen, worauf er doch ein so grosses Gewicht legte, gegen denfalschen Wahn der Menschen, die da meinten, es gehe in Einem hin mit der Sünde; wenn sie zuletzt nur obenhin Busse thäten und ihre Sünden äusserlich mit sauren angenommenen Mienen be- reuten, so sei ein Gottseimirsündergnädig schon genug den ganzen Herzenspfuhl voll Sünden auf einmal rein, ledig und von allen Strafen los zu machen; sie misbrauchten das Verdienst Christi und meinten, wenn sie sich nur überredeten, dass Christus für sie gestorben(dies nennen sie glauben!), so sei es schon überflüssig genug sie von aller Strafe der Sünden frei zu machen, ohne einmal zu untersuchen, ob ihre Busse rechter Art oder ihr Glaube nur historisch oder die Eigenschaften des seligmachenden Glaubens habe*). Auf eine Busse ohne Reue, auf eine Busse ohne wirkliche Besserung und Heiligung gab er gar nichts.So lange der Mensch, sagte er, die Bitterkeit der Sünde nicht empfindet, so lange sie ihm eine Lust und nicht eine Last ist, so lange ist er nicht bekehrt. Die Bussfertigen sind wie die Febricitanten, welche an einer Speise das Fie- ber gegessen und vor derselben ihr Lebtage einen Ekel haben; bussfertige flerzen kön- nen ohne Grauen und Schaudern an ihre Sünden nicht gedenken. So lange Dir nun so nicht zu Mute ist, so bist Du kein bussfertiger Sünder und hast kein Theil an der Gnade Gottes, wenn Du auch alle Monat zum Abendmahl gingest, und wenn Du auch

¹) Solennelpredigten von Dr. Mel. 1758. S. 595 ff. vgl. Teutsche Ethik. 1741. S. 155. ²) Zions Lehre und Wunder. Cassel 1746. S. 572.

³) Teutsche Ethik. Cassel 1744. S. 150.

) Herold der Ewigkeit. Hersfeld. 1754. S. 625