Aufsatz 
Dr. Conrad Mel : weiland geistlicher Inspector und Rector des Gymnasiums zu Hersfeld ; ein Lebensbild aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts / von Alexander Vial
Entstehung
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ner daraus der freudige Eifer und die begeisterte Rührigkeit, mit der er in allen Krei- sen seiner Wirksamkeit selbst bestrebt war die ersehnten Reformen mit herbeiführen zu helfen. Denn sein bei den Herrlichkeiten jenes Lebens so gern verweilendes und davon gesättigtes Auge musste von den Unvollkommenheiten, Verkehrtheiten und Ge- brechen der Gegenwart um so empfindlicher und unerträglicher berührt werden. Die Hauptursachen des reformbedürftigen Verfalls erblickte er in der groben Unwissenheit in göttlichen Dingen, die man nicht lieben könne, wenn man sie nicht kenne; in der Gleichgültigkeit der grossen Menge,die blindlings glaube, was die Kirche glaube, da- rin sie geboren, und es dabei bewenden lasse; in der Gewissenlosigkeit der Eltern bei Erziehung ihrer Kinder; in der Nachlässigkeit und dem ungeistlichen Leben vieler Seelsorger,die mehr aufs opus operatum als auf ihr Gewissen und die Pflichten ihres Amtes sähen und fürchteten, die Leute möchten Ketzer werden, wenn man viel forschen wollte in der Schrift; in dem Vorurteil der höheren Stände und der Cavaliere,es komme allzu bürgerlich heraus von der Gottesfurcht sonderlich Werk zu machen; endlich in der Widerspenstigkeit des irdisch gesinnten Herzens und in dempraktischen Atheismus überhaupt ¹).

Namentlich aber entsprang aus jener Geistesrichtung sein ernstes Dringen auf Be- kehrung von der Sünde und auf Wiedergeburtdurch eine bundesmässige Vereinigung mit Gott in Christo ²). Da er kein grösseres Uebel und Verderben kannte als die Sünde ³), so legte er auf diesen innern sittlichen Process, durch den sich zugleich die Gnadenwahl am Menschen verwirkliche, ein solch ausschliessliches Gewicht, dass der Glaube, der sonst ein bloser historischer, blinder und todter sei, dadurch erst zu einem seligmachenden werde, und dass deräussere Gottesdienst, den er nicht weit genug von deminneren Gottesdienst und den exercitiis pietatis auseinanderhalten konnte, den er einLippenwerk, eineDevotionsparade,einen gottseligen Raptus, wanns an den Bandriemen geht, einen,dem bellenden Gewissen vorgeworfenen Brocken nannte,

dieser erwarteten Reformation breche die sicbente und letzte Periode der Kirchengeschichte des Neuen Testaments an, die Periode der Vollendung.

¹1) Teutsche Ethik 1744. S. 218- 226. Jenes Vorurteil der Cavaliere datirt erst vom dreissig- jahrigen Kriege. Damals bildete sich erst der Begriff von einem Cavalier, den ein zur Feier des Westfälisehen Friedens erschienenesFreudenspiel so ausdrückt:Ein Cavalier ist, wer ein gut courage hat, maintenirt sein état und reputation und gibt einen politen courtisanen ab.

²) Dessen Blut und Wunden schon bei Mel anfangen in einem manirirten Gebrauch zu kommen.

*) Posaunen der Ewigkeit, Predigten von Dr. C. Mel. Iersfeld. 1754. S. 603.