Aufsatz 
Dr. Conrad Mel : weiland geistlicher Inspector und Rector des Gymnasiums zu Hersfeld ; ein Lebensbild aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts / von Alexander Vial
Entstehung
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fährt:Ach wie wenige leben doch so, dass sie ihre Brüder loben, die ihr Licht nicht lassen leuchten vor den Menschen, dass sie ihre guten Werke sehen und ihren Vater im Himmel preisen. Wir nennen uns reformirte Christen, und Viele führen doch so ein doformirtes Leben, dass sie unsern allerbeiligsten Glauben stinkend machen bei denen, unter welchen sie wohnen. Wenn unsere Brüder, die mit uns aus dem Papsttum aus- gegangen sind, mit uns umgehen und auf unser Thun und Lassen Achtung geben, so sollten wir billig sagen mit unserm Leben: Gehet hin und saget es Johanni wieder, was ihr seht und hört. Wie aus unserer Lehre die Reinigkeit und ungefärbte Wahrheit her- vorleuchtet, so sollte aus unserm ganzen Leben lauter Heiligkeit und Gottesfurcht her- vorscheinen, dass andere ein Exempel von uns nehmen sollten. Aber, was machts, dass wir manchmal so gehasst, verfolgt und gelästert werden? Das böse Leben unse- rer Unchristen ist Schuld daran, dass es heisst: Sind das die Leute, die sich eines so heiligen Glaubens rühmen, und leben doch so ruchlos, so üppig, so gottvergessen in der Welt und in den Sünden dahin? ¹)

Mehr daher einen lebendigen als einen richtigen, so leicht wieder in eingutes Werk ausartenden Glauben suchend kannte Mel nur einen Feind: dieWelt, de- ren Bosheit, Eitelkeit und Vergänglichkeit er in den ergreifendsten Gegensätzen zu der überschwenglichen Herrlichkeit des ewigen Lebens, die hienieden zwar nur im Bilde, aber droben erst vollkommen offenbar und genossen werde ²), darzustellen und zu rich- ten verstand, so gut wie irgend einer von denen, die je gelehrt haben, finitum non capax esse infiniti. Aus dieser so entschieden und bis zum Chiliasmus aufs Ueberirdische und Jenseitige gerichteten Stellung seines Gemütes erklärt sich auch die Sehnsucht, mit der er in jener Zeit allgemeiner Erschlaffung nach den hitzigen dogmatischen Kämpfen ei- ner sich mit ihrer Rechtlehrigkeit spreizenden Theologie und allgemeiner Verwahrlosung noch von der Barbarei des dreissigjährigen Kriegs her eine neue Reformation der evan- gelischen Kirchen erwartete, infolge deren die mehr aus ihr selbst als aus dem Dogma erklärte heilige Schrift wiederum eine stärkere und unmittelbarere Macht ausübe zur Erzeugung eines praktischen Christentums, derHirtenzank zwischen beiden protestan- tischen Confessionen völlig beigelegt, die Heiden durch Aussendung von Glaubensboten bekehrt und derPopanz des Papsttums dahin sinken werde ³), Es erklärt sich fer-

¹1) Letzte Reden der Sterbenden. Cassel. 1756. S. 40. ) Zions Lehre und Wunder. Cassel 1746. S. 489. 490. ²) S. u. A. Kurzer Begriff der Kirchenhistorie von Dr. C. Mel. Cassel 1736. S. 117 und 118. Mit