Aufsatz 
Dr. Conrad Mel : weiland geistlicher Inspector und Rector des Gymnasiums zu Hersfeld ; ein Lebensbild aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts / von Alexander Vial
Entstehung
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10.

Fleisch und Blut und. nahm die Berufung an. Kaum dass ihm Zeit blieb sich von den Seinigen in Gudensberg zu verabschieden, reiste er auf Kosten der Landgräſin dem un. bekannten ersten Wirkungskreise an der Ostsee zu. Dort angekommen fand er in der ihm anvertrauten Gemeinde nach eigenem Geständniseinen rechten Hunger nach dem Worte Gottes vor. Dies bewirkte, dass er sein Amt mit Freuden ausrichtete. Während die meisten Geistlichen jener Zeit noch immer mit einer grossen, durch nichts zu erschütternden Selbstgenügsamkeit auf ihrer Rechtlehrigkeit ausruhten, ge- nügte es Mel nicht seiner Gemeinde blosdie reine Lehre zu verkündigen, wie wohl er auch gegen die Menschensatzungen des Papsttums, das er für einBabel hielt, ge- gen die Socinianer, Enthusiasten oder Geisttreiber und gegen die Atheisten und ebenso in der Lehre vom Abendmahl die Lehren der reformirten Kirche mit ebensoviel Geschick als Freimut entwickelte und vertheidigte 2). Denn er war und blieb ein ächter Sohn seiner Kirche: er bekämpfte jegliche Ueberschätzung der menschlichen Vermittlung des Göttlichen und war daher dem Aberglauben und den Menschensatzungen nüchtern abge- neigt. Das Abendmahl war ihm eine symbolische Handlung; er würdigte das Interesse der Hausväter für die christliche Gemeinde; er kannte nur eine declarative Absolution ³); ja selbst die Prädestinationslehre war ihm nicht anstössig 4). Bei alledem hat wohl Niemand in jener Zeit der Vereinigung beider evangelischen Kirchen, die er nur durch Hirtenzank getrennt sah, eindringlicher, herzlicher und aufrichtiger das Wort geredetals er 5). Mels theologische Entwicklung hatte nemlich eine Richtung eingeschlagen, welcher

¹) Letzte Reden der Sterbenden, Predigten über auserlesene Texte von Dr. C. Mel. 4. AuflageCassel 1759. S. 877 und S. 931.

2) Die reformirte Lehre vom Abendmahl entwickelt Mel S. 47 des Tractats vomunvergleich- lichen Nutzen der jüdischen Antiquitäten, welchen er seinem Tabernakel vorausschickt, ausfübr- licher aber noch in einer Predigt der Predigtsammlung Letzte Reden der Sterbenden. Cassel 1756. S. 665 677. Er führt da sich auf eine Forschung Ligthfoots berufend unter Anderm aus,dass der Herr Jesus eben dergleichen Redensarten bei dem Abendmahl gebraucht als bei dem Pascha- lamm gebräuchlich waren. Sobald dasselbe auf die Tafel gebracht wurde, musste der Hausvater zu seinen Kindern sagen: Segoph schel pesach etc. das ist der Leib des Osterlamms, welches in Aegypten geschlachtet worden. Da verstunden die Paschagäste bald, wie es gemeint war: dass das Lamm, das auf dem Tisch war, nicht das war, was ihre Väter in Aegypten geschlachtet hatten, sondern nar eine Erinnerung war der Erlôsung.

³) Zions Lehre und Wunder, Predigten über die Evangelien von Dr. Mel. Cassel 1749. S. 391.

¹) Das. S. 573.

5 Und dies dazu auch noch an einer Stätte, wo es von Bedeutung sein konnte, nemlich vor einem Könige, an dessen Nachkommen die Union allezeit die eifrigsten Beförderer hatte, vor Friedrich I.