Aufsatz 
Dr. Conrad Mel : weiland geistlicher Inspector und Rector des Gymnasiums zu Hersfeld ; ein Lebensbild aus dem Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts / von Alexander Vial
Entstehung
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ob er eine Seele habe, nicht leugnen kann, dass er denke und also ein denkendes We- sen bei sich habe: so geht doch dieser Satz in der Theologie nicht weiter an als in geoffenbarten Wahrheiten, in Geheimnissen aber, die über die Vernunft gehen, ist es Grundes genug, wenn wir überzeugt sind, dass sich Gott in seinem Wort gceoffenbaret kat. Im Uebrigen aber ist zweifeln nichts anderes als gründliche Ursachen geben von geoffenbarien Dingen, und wird dessen Notwendigkeit in seinem beschränkten Grund Niemand leugnen, der da glaubt einen vernünftigen Gottesdienst. Einen weiteren wis- senschaftlichen Gebrauch freilich von der hier gemachten Unterscheidung zwischenge- offenbarten Wahrheiten undGeheimnissen hat Mel nie gemacht, wie denn auch seine Philosophie und seine Theologie stets ohne weitere wissenschaftliehe Vermittlung beider so naiv und verträglich neben einander hergegangen sind, dass er es alsdas Aergste beklagen konnte,dass man seine Unwissenheit(in göttlichen Dingen) mit der lieben Einfalt bemäntele, aus Furcht, die Leute möchten Ketzer werden, wenn man viel wollte forschen in der Schrift; gerade als ob Gott nicht solche Wahrheiten hätte offenbaret, die bei einer tieferen Untersuchung die Probe möchten aushalten ¹). Es kündigt sich eben hierin eine Richtung an, die, wie auch der Pietismus überhaupt, den Uebergang bildet aus der Periode des Dogmatismus in die des Rationalismus.

Mel als Prediger in der Diaspora zu Mitau.

Als Mel im Jahre 1690 eben im Begriſt war von Gröningen aus, wie ebenfalls schon sein Vater gethan hatte, eine wissenschaftliche Reise hinüber nach England zu unternehmen, liess ihn die Landgräfin Marie Amelie von Hessen-Cassel, eine geborne Prinzessin von Kurland, in der Abwesenheit ihres Gemahls des Landgrafen Karl, nach Hessen zurückrufen um ihn als Prediger in die Haupt- und Residenzstadt ihrer Heimat, nach Mitau, zu senden ²2). Es war eine zerstreut wohnende reformirte Gemeinde, der er als Geistlicher dienen sollte, und das Vertrauen, welches die hohe Gönnerin in ihn setzte, ein ihn in mehrfacher Hinsicht ehrendes. Er besprach sich auch nicht lange mit

¹) Kunst der wahren Herzensvergnügung oder teutsche Ethik von Dr. C. Mel. Cassel 1744. S. 219. ²) Letzte Reden der Sterbenden, Predigten über auserlesene Texte von Dr. C. Mel. 4. Auflage Cassel

1756. S. 877. 2