Aufsatz 
Zur Erinnerung an Friedrich Ludwig Karl Weigand / von Otto Bindewald
Entstehung
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zu erheben und tagsüber einige Stunden außerhalb des Bettes zuzu⸗ bringen. Dieß war auch Sonntag den 30. Juni wieder der Fall. Als Herr Buchhändler Ricker, der langjährige Freund und Verleger Weigands, in deſſen Laden er immer ſo gern ein müßiges Stündchen verplauderte, ihm da morgens zwiſchen 11 und 12 Uhr einen Be⸗ ſuch abſtattete, wurde er von dem Kranken freundlich empfangen, der wie ſonſt munter und an allem teilnehmend war und über mancherlei, z. B. über die eben beendigte 3. Aufl. des Wörterbuchs, einen aus demſelben zu veranſtaltenden kürzeren Auszug, wie auch andere literariſche Pläne gegen ihn ſich ausſprach. Als Weigand dann nach kurzer Mittagsruhe ſpäter nochmals ſich erhoben hatte und von einem Gang in ein anderes Zimmer zurückkehrend, eben in einen Lehnſtuhl ſich niederſetzen wollte, traf ihn plötzlich, ihm ſelbſt und allen den Seinigen unverhofft, ein Herzſchlag, der ſeinem Leben augenblicklich, zwiſchen 4 und 5 Uhr, ein Ende machte, ohne daß er ſeinen Ange⸗ hörigen noch eine Mitteilung irgend welcher Art machen konnte.

Erſchütternd durchlief die Trauerkunde die Stadt, auf die man bei dem bedenklichen Zuſtande der Krankheit zwar vorbereitet war, die man aber trotzdem ſo bald ſchon zu vernehmen nicht erwartet hatte. Bei der langjährigen und vielſeitigen öffentlichen Thätigkeit, die der Dahin⸗ geſchiedene in Gießen geübt, bei der herzgewinnenden Freundlichkeit und Gefälligkeit, die er gegen Jedermann bewieſen und der großen Biederkeit und Unbeſcholtenheit ſeines Charakters, durch die er die größte Achtung ſich gewonnen hatte, war die Teilnahme an ſeinem raſchen Hingange allgemein.

Wie die Todesnachricht im Kreiſe der Univerſitäts⸗Angehörigen aufgenommen wurde, mag folgende Thatſache beweiſen. Montag den 1. Juli beging die ganze Univerſität, ſtatt wie früher den Geburtstag des Landesherrn am 9. Juni zu feiern*), zum erſten Mal in feier⸗ licher Weiſe in der großen Aula den Tag ihrer einſtigen Stiftung durch eine academiſche Rede ihres derzeitigen Rectors Prof. Dr. Oncken, nach welcher die Prämiirung der von einzelnen Studirenden gelöſten academiſchen Preisfragen und die Verkündigung neuer Auf⸗ gaben für das folgende Jahr ſtattfand. Als der Redner dieſen Ob⸗ liegenheiten genügt hatte, richtete er an die zahlreiche, in tiefer Stille zuhörende Verſammlung, ſichtlich bewegt und mit feierlich ernſtem

*) Da der Geburtstag des jetzigen Großherzogs Ludwig IV. in die Herbſt⸗ ferien fällt, muſte von dieſer Sitte abgegangen werden.