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Geradeſo liegen die Verhältniſſe bezüglich der Gemeinvorſtellung„rot“. un bedarf ſchon das als Beiſpiel angegebene Urteil der Einſchränkung, nämlich viele, manche, etliche Roſen ſind rot, die anderen nicht. Wieder eine neue Vorſtellung von unbeſtimmtem Charakter. Genau verſtändigen können ſie ſich nur über eine beſtimmte Roſe,„dieſe Roſe“. Die Hauptrolle übernimmt dabei aber dieſes Objekt, und die Sprache iſt nur ein Hilfsmittel, ſie iſt wegen ihrer Unzulänglichkeit zurückgetreten. Lehrer und Schüler haben jetzt das identiſche Rot und die identiſche Form vor ſich, und nun ſollte man annehmen, wiſſe jeder, wie die Vorſtellung des anderen beſchaffen iſt. Dieſe Annahme verlangt aber, um Zweifel auszuſchlieſen, noch des Beweiſes. Dieſer wird erbracht, indem jeder von beiden ſein Erinnerungsbild von der Roſe im Bilde ausdrückt. Ein Vergleich zwiſchen beiden Bildern und der Roſe läßt aber in der Regel mehr oder minder groſte Verſchiedenheiten erkennen: Während der Geübte, Ge- ſchulte eine ziemlich erſchöpfende Vorſtellung nachweilt, behält die Vorſtellung des Ungeübten einen großen Abſtand von der Wirklichkeit. Er beſitzt allo überhaupt noch nicht die Fähigkeit zur Xuffaſſung des Bildes der Roſe.„Er ſieht, als ſähe er nicht.“ Hier kann nur die Darſtellung im Bild unmittelbar nach dem Objekt eine Vertiefung der Anſchauung gewährleiſten. Und dieſe wird um ſo leichter gelingen, je mehr Uebung und Erfahrung des Darſtellenden mitſpricht. Wer über die nötigen Fähigkeiten hierzu nicht verfügt, wird der Wirklichkeit niemals nahe kommen können.
Die einſeitige Betonung des ſprachlichen Verkehrs in der Schule hat dem- nach ihre großen Schattenſeiten. Welch ſchwierige Aufgaben werden dem Auffaſfungsvermögen des Arztes beiſpielsweiſe geſtellt! Wie muſßt er das geſunde Ausſehen ſeiner Patienten kennen, um die durch die Krankheit hervorgerufenen Veränderungen richtig einſchätzen zu können, wie ſcharf müßte ſein abſolutes Form- und Farbengedächtnis ausgeprägt ſein, wenn er ſeiner Aufgabe gerecht werden wollte! Er ſollte mit dem Maler und dem Bildhauer wetteifern können.
Der geiſtige Verkehr zwiſchen Lehrer und Schüler erfordert bei beiden, daſt ſie ſich über Ein-, TZwei- und Dreidimenſionales zeichneriſch, je nachdem, in Urnnriſſen,— beim Dreidimenſionalen perſpektiviſch, nach der optiſchen Erſcheinung(Licht und Farbe), nach ihrem ſtofflichen Gepräge, nach ihrem organiſchen und äſthetiſchen XAufbau und .nach dem ihnen innewohnenden Seeliſchen zu äußern vermögen.
Die richtige Darſtellung eines Objektes nun ſetzt vor allem das richtige Verſtändnis ſeiner Form voraus. Auf dieſem Gebiete arbeiten Mathematik und Naturwiſſenſchaft mit dem TZeichen- und Kunſtunterricht zuſammen. Der Geometrieunterricht befaßt lich jedoch ausſchließlich mit den elementaren Formen der Ebene und des Raumes, in den Bereich der höheren, d. h. der organiſchen Form, insbeſondere ſoweit ſie bewegt oder mit ſeeliſchem Aus- druck erfüllt iſt, dringt er nicht ein. Dieſes Feld überläßt er dem Zeichen- und Kunſtunterricht. Auch die Architektur der Organismen iſt nur in Verbindung mit der Kunſt, vor allemn der Architektur, faßllich. Sie iſt gleicherweiſe der Ausdruck und das Erzeugnis der hinter dem Anſchaulichen und Individuellen der Organismen
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