Aufsatz 
Die freie Perspektive im Zeichenunterricht der Mittelklassen höherer Lehranstalten / Heinrich Getrost
Entstehung
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zu aller Ueberraſchung durch das Experiment überzeugend nachgewieſen worden. Daraus folgt, daß der Sprache als Verkehrsmittel ausreichende Tragfähigkeit für alle Fälle nicht zukommt, und daß namentlich zur Uebertragung gerade der wichtigſten und ſicherſten Bewußtſeinsinhalte, der Individualvorſtellungen, ſie überhaupt nicht, ſondern einzig und allein das Xequivalent, vornehmlich das Bild, zur Verwendung kommen kann. Im übrigen iſt der Sprache der Vorteil der leichteren Verwendbarkeit, aber der Machteil der Unzulänglichkeit, dem Xequivalent dagegen der Vorzug unbegrenzter Genauigkeit, Zuverläſſig- keit und Eindeutigkeit, aber der blachteil ſchwierigerer Handhabung zuzu- ſprechen. Keines der beiden geiſtigen Verkehrsmittel reicht für alle Fälle hin, keines kann das andere erſetzen. Deshalb beſteht die Notwendigkeit für jedermann, ſich zum Gebieter über beide Nusdrucksmittel zu machen und dies in möglichſt ausgiebiger Weiſe, damit er in jeder Lebenslage den Auf- gaben gewachſen erſcheint, die ihm Sollen und Wollen(tellen.

Soweit ſich der geiſtige Verkehr zwiſchen Menſchen von annähernd gleicher Bildung und geiſtiger Verfaſfung abſpielt, wird die Verſtändigung verhältnis- mäßig leicht glücken. Anders aber zwiſchen Menſchen verſchiedener Bildungsſtufen, z. B. zwiſchen Lehrer und Schüler. Während die Vorſtellungen des Lehrers in langer geiſtiger Arbeit ausgereift und geſichert ſind, laſſen jene des Schülers oft nur das eine oder das andere der weſentlichſten Merkmale erkennen. Die leider nur zu natürliche Folge muß ſein, daß der Lehrer in dem vollen Bewußtlein, daß ſein Vortrag oder ſeine Frageſtellung ſachgemäß ſei, trotz- demn an dem Verſtändnis des Schülers vorbeiredet. Es ſollte deshalb bedacht werden, daß alles Denken an Empfindungen und Individualvorſtellungen an- knüpft, und daß Gemeinvorſtellungen, Begriffe, Urteile und Schlüſfe nur dann richtig gebildet werden können, wenn die Individualvorſtellungen zuverlälſig fundamentiert ſind.

Der MNachweis des Vorhandenſeins der Individualvorſtellungen, des Grades ihrer Entwicklung und ihrer Richtigkeit, durch Xeufſterung und Vergleich des Geäufterten mit dem Objekt, ferner die Feſtſtellung der größeren oder geringeren Nnnäherung an dieſes, endlich die Ergänzung, Verbeſſerung und Richtigſtellung bis zur vollen Uebereinſtimmung mit ihm ſollte eine nie zu vernachläſſigende Pflicht jedes Unterrichtenden ſein, namentlich aber in dem früheren Alter der Schüler und in allen Fällen, in denen unmittelbar an die Individualvorſtellung angeknüpft wird. Wer dieſen Dlachweis verſäumt, baut in die Luft und treibt nur ein fruchtloſes Spiel mit Worten.

Der blachweis der und die Verſtändigung über die Geſichtsindividualvor- ſtellungen kann aber nur mittels des Xequivalents, des Bildes oder der Zeich- nung, erreicht werden.

Ein Beiſpiel möge das zeigen. Lehrer und Schüler unterhalten ſich über die Roſe. Der Schüler gibt an:Die Role iſt rot. Das Wort Roſe bedeutet nun eine Gemeinvorſtellung und Lehrer und Schüler können ſich darunter jede beliebige Roſe denken. Roſen ſind aber in der Erfahrung ſehr verſchieden von einander. Jeder von ihnen wird ſich demmnach eine andere Vorſtellung machen, und keiner weiſt, was ſich der andere unter der GemeinvorſtellungRoſe denkt.