Aufsatz 
Die freie Perspektive im Zeichenunterricht der Mittelklassen höherer Lehranstalten / Heinrich Getrost
Entstehung
Einzelbild herunterladen

B15/

S8 27

Gℳ*2

Beilage zum Jahresbéricht der Großherzoglichen Liebigs- Oberrealschule zu Darmstadt. Ostern 1913.

Lehrerbibliothek)

prof. Hleinrich Getroſt, er Sberrerbchule

Die freie Perſpektive im Zeichenunferrichit der Mittelklaſſen höherer Lehranſtalten.

Was iſt das Schwerſte von allem? Was Dir das Leichteſte dünkt: Mit den Augen zu ſehen,

WMas vor den Augen Dir liegt!

Goethe.

Wenn der Satz, daß nur richtig zum Nusdruck gebracht werden kann, was richtig verſtanden iſt, einwandfrei gilt, ſo mußt als erſtes Ziel jedes Unterrichts, auch des Zeichen- und Kunſtunterrichts, die Erweckung des vollen Sachverſtändniſſes beim Schüler vor der Darſtellung ins Nuge gefaſtt werden.

Das heute im Teichenunterricht allgemein angewendete Verfahren zur Einführung in das Körperzeichnen geht an dieſem Ziele und an den ſicher nicht geringen Schwierigkeiten vorüber und überläßt den Schülergeiſt ſeinem Empfinden, Gutdünken, kurzum dem Geratewohl. Soll dieſem Verfahren nun gleichwohl eine gewiſſe Berechtigung nicht abgeſprochen werden, ſo geſchieht dies jedoch unter dem Vorbehalt, daß ihm zu ſeiner Zeit ein ergänzendes Ver- fahren zur Seite geſtellt wird. Denn ohne die Kenntnis der Zuſammenhänge der Perſpektive wird ernſtlich niemand, auch der Lehrer nicht, eine richtige Darſtellung von körperlichen Erſcheinungen durchzuführen vermögen. Dem Bedürfnis nach dieſer Ergänzung Rechnung zu tragen, iſt der Zweck nach- ſtehender Arbeit. Sie iſt nur als Wegweiſer für den Lehrer gedacht und befaßt ſich nicht mit der Durchführung im einzelnen. Die Erörterung einiger allge-

meiner Gelichtspunkte möge der Arbeit vorangehen. Die Seele des Menſchen ſteht mit der Nußtenwelt in Beziehung durch die

Sinne. Mit ihrer Hilfe nimmt ſie als Spiegelbilder des Anſchaulichen und Individuellen Vorſtellungen auf, die als Einzel- und als Individualvorſtellungen bezeichnet werden. Dieſe Individualvorſtellungen bilden das Subſtrat, die allein ſichere Unterlage unſeres Wiſſens von der NAufenwelt. Aus einer mehr oder minder großen Anzahl verwandter Individualvorſtellungen entſtehen im Bewußt- ſein als gemeinſamer bliederſchlag die Gemeinvorſtellungen, die naturgemäßt gegenüber den klaren Individualvorſtellungen nur verſchwommene Umriſſe auf- weiſen. Und aus ihnen wieder entwickelt die Seele unter bewußter Zulammen- faſfung der allen gemeinſamen und Ausſchaltung der bloß individuellen Merk- male die Begriffe als geiſtige Abſtraktionen. Da bei der Begriffsbeſtimmung

1913. Me. 917. II. Hohmann, Darmstadt Lehrerbibliothek

der Oberrealschule d Giessen