Aufsatz 
Die freie Perspektive im Zeichenunterricht der Mittelklassen höherer Lehranstalten / Heinrich Getrost
Entstehung
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noch äußere Zweckabſichten hinſichtlich der Auswahl der Merkmale Berück- ſichtigung finden, ſo unterſcheiden ſich die Begriffe ſtets von den Gemein- und den Individualvorſtellungen und entfernen ſich, je nachdem, von dem An- ſchaulichen und Individuellen.

Von Seele zu Seele kann ein geiſtiger Verkehr zur gegenſeitigen Mittei- lung ihrer Bewußtſeinsinhalte ſtattfinden, jedoch niemals unmittelbar, ſondern ſtets nur mittelbar, unter Zuhilfenahme eines objektiven Mittlers. In dieſem Zwiſchenträger prägt der Geber ſeine mitzuteilende Vorſtellung aus und macht ſie dadurch den Sinnen des Empfängers zugänglich. Dieſe Mittler werden deshalb Nusdrucks- oder geiſtige Verkehrsmittel genannt. Als ſolche kommen Sprache, Bild, Ton, Zeichen jeglicher Art, Geberden u. a. m. in Betracht. Sie laſſen ſich in zwei Gruppen, nämlich in Nequivalente und Symbole, zulammen- faſſen. Unter Nequivalenten ſind dabei diejenigen Mittler verſtanden, die natur- getreue Machbildungen der ſinnlich wahrnehmbaren Erſcheinungen derjenigen Objekte oder ihrer Beziehungen untereinander darſtellen, von denen die Vor- ſtellung des Gebers herrührt, während als Symbole alle diejenigen geiſtigen Verkehrsmittel anzuſprechen ſind, die zur Erleichterung und Vereinfachung des geiſtigen Verkehrs als bloße Xbzeichen oder Stellvertreter von Xequivalenten oder Vorſtellungen zwiſchen Geber und Empfänger vereinbart ſind.

So wird z. B. die Vorſtellung von einem Lied durch das Nequivalent geäußert, wenn es von dem Geber geſanglich, und durch das Symbol, wenn es von ihm in Noten ausgedrückt wird.

Als für das praktiſche Leben wichtigſtes Xequivalent gilt das Bild in jeg- licher Form und als gebrãuchlichſtes Symbol die ſtets verwendungsbereite Sprache.

lm Bilde kann jede Geſichtsvorſtellung, insbeſondere jede lndividual- geſichtsvorſtellung und die Geſichtsvorſtellungen machen wenigſtens 60 v. H. aller Vorſtellungen aus mit jeder nur wünſchenswerten Genauigkeit und Ein- deutigkeit zum Nusdruck gebracht und jedermann mitgeteilt werden.

Dagegen erleidet der Gebrauch der Wortſymbole verſchiedene Ein- ſchränkungen: erſtens iſt er nur für die Uebertragung von Gemeinvorſtel- lungen und Begriffen, nicht aber von Individualvorſtellungen eingerichtet, zweitens iſt er an denjenigen Kreis gebunden, innerhalb delſen die Verein- barung bezüglich der Bedeutung der Symbole beſteht oder bekannt iſt, und drittens ſetzt der Gebrauch der Symbole voraus, daß diejenigen Bewußtſeins- inhalte, die ſie bedeuten ſollen, bei Geber und Empfänger übereinſtimmen, was in der Erfahrung ſeltener zutrifft, als man gemeinhin glaubt. Es wird dadurch dem Verkehr durch die Sprache der Stempel der Unzulänglichkeit aufgedrückt. Mehr aber noch dadurch, daß durch die Wortſymbole nicht eigentlich die Vorſtellungen des Gebers übertragen, ſondern nur Vorſtellungen des Empfängers aus ſeinem Unterbewußtſein in den Blickpunkt der Aufmerk- ſamkeit gezogen werden, was zur Folge hat, daß ihm alſo nicht die zuge- dachten Vorſtellungen, ſondern nur Anregungen zufallen, denenzufolge er dann aus ſeiner eignen Phantaſie heraus ſich ſelbſt Vorſtellungen ſchafft als ſein ureigenſtes perſönliches Erzeugnis. Daß hierbei die Vorſtellungen des Gebers oft kaum einen Vergleich mit denjenigen des Empfängers zulaſſen, iſt neuerdings