Aufsatz 
Die Bedeutung des Namens im Kult und Aberglauben : ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde / von Wilhelm Schmidt
Entstehung
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aber ihr Wesen kennen!¹; und schon viel früher, bei den drei grossen Tragikern, begegnet uns, besonders bei Euripides, manche Stelle, an welcher Name und Wesen u. dgl. in Gegensatz zuein- ander gebracht sind. Und doch zeigt auch dieses Gegenüberstellen von Namen und Sache im letzten Grunde wieder denselben Glau- ben, dass die beiden an sich übereinstimmen sollten, dass der Name das Charakteristische bezeichnen sollte; weil es hie und da nicht so ist, erscheint es eben als Ausnahme, als etwas Auffallendes, und darum wird der unerwartete Gegensatz besonders und nach- drücklich hervorgehoben. Ein kurzer, die Belege einfach aneinander reihender Über- blick mag dies dartun. Es wird geschieden zwischen Name und Charakter( ¶łQ(D voòıc oder οσυσν: Eur. Hel. 728 ff. sagt der Bote zu Ielena: bin ich auch nur ein Diener, so sei es mir doch vergönnt, zu den edelmütigen ge- zählt zu werden; wurde mir auch nicht der freie Name zu teil, so sei es doch mein Sinn; Eur. Phriæ. fr. 831 p. 630 Na: bei vielen Sklaven ist der Name zwar schimpflich, ihre Ge- sinnung aber ist freier als bei denen, die nicht Sklaven sind. Ebenso Eur. Melan. fr. 511 p. 524 Na.

Name und Leib oder Person(ö6 ĩD G⁴⁴.ρ⁴᷑ oder*αοφρμoder ναις*): Soph. O. C. 265: Odipus sagt zu dem Chor: Ihr wollt mich aus der Stadt vertreiben; doch nur mein Name schreckt euch, nicht meine Person oder meine Taten?;

Eur. Iph. T. 504: auf Iphigeniens Frage an Orest, wer er sei, antwortet er: wenn ich namenlos sterbe, kann man mich nicht verhöhnen; auch willst du ja meinen Leib töten, nicht meinen Namen(vgl. Eur. Hec. 435).

Eur. Or. 390 sagt Orestes: mein Körper schwand, nur der un- glückliche Name(des Muttermörders) blieb. Vergleichbar ist die Stelle aus Schillers Siegesfest:

Wenn der Leib in Staub zerfallen, Lebt der grosse Name noch. Eur. Hel. 66 fleht diese am Grab des Proteus um die Kraft,

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oi paν πααοο ανςρορνποινετς ⁶οαα ατ⁶ oæoα ⅓ρο ⁶ειννoντxoν ndyαros ναοστον, 10 d ½ no᷑ν dyνοοοον. ² vgl. Shakespeare Feomeo u. Julia II 2: Dein Nam' ist nur mein Feind. Du bliebst du selbst. Ein versteckter Gegensatz zwischen Person und Name z. B. auch in den Worten Attinghausens(Schiller Tell II 1): Mein Schatten bin ich nur, bald nur mein Name.