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Schluss I
Die in ldiesen Blättern vorgebrachten Gedanken, die eine
völlig erschöpfende Darstellung des Themas natürlich weder geben können noch geben wollen, mögen genügen, um zu zeigen, was der Name dem Volk bedeutet, welches enge Band ihn und den Gegenstand miteinander verbindet und wie diese Meinung sich in mancherlei Aberglauben noch erhalten hat, wenn sie auch— mehr oder weniger bewusst— nicht allgemein anerkannt wird. Wir haben aber auch zugleich geschen, wie diese Vorstellungen nicht an eine bestimmte Zeit oder an ein bestimmtes Volk oder auch nur an cine unter sich abhängige Gruppe von Völkern ge- bunden ist: es liegt ihnen vielmehr ein gemeinsames, unbewusst sich entwickelndes Empfinden zugrunde, das uns sowohl bei den Naturvölkern auf der niedersten Stufe als auch bei den Völkern der Kultur in gleicher Weise entgegentritt. Diese Anschauungen, die wir für die alte Zeit ausschliesslich durch Beispiele aus der Literatur der Griechen und Römer belegt haben, bestehen auch heute noch ebenso zurecht. Die alten Völker sind zwar vergangen; aber wie diese, dem Menschen fast angeborenen Vorstellungen, so waren auch sonst von ihrem Denken und Meinen, als sie selbst unter- gingen, ein gut Teil bereits unvergänglich geworden; ihre Sprachen, die man so oft als tote Sprachen bezeichnet: wie lebendig sind sie doch für den, der nicht selbst tot und gefühllos ihnen entgegen- komnzt. In. vielem haben wir, haben gerade unsere Besten gelernt von diesen beiden Völkern, haben aus ihren„toten“ Sprachen lebensvolle Anregung gewonnen!. Dieses überwunden und längst überholt geglaubte Altertum ist eben nur dem Namen nach vergangen und tot; in Wahrheit aber ist es ein nie versiegender Lebensquell;„er verschwindet, um wiederzukehren; er verbirgt sich, um wieder aufzutauchen“ ². Es darf stolz das Wort unseres grossen Dichters für sich in Anspruch nehmen:
Auch in Leindes Munde fort Leht ihm seines Namens Lhre!
¹ vgl. Paul Cauer Das Altertum im Leben der Gegenwart(Aus Natur und Geisteswelt Bd. 356) Leipzig 1911. ² Rohde II 404.


