Aufsatz 
Die Bedeutung des Namens im Kult und Aberglauben : ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde / von Wilhelm Schmidt
Entstehung
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massen die Namen der Bewohner eines Dorfes, das eine gute Ernte hatte; dann müssen die Namen durch eine Gabe zurück- gekauft werden. Der Erlös soll offenbar einen teilweisen Ersatz für die schlechte Ernte bieten.

Ein fast noch kindlicherer Brauch als die erwähnte Sitte der Geheimhaltung des Namens ist der andere der Namensänderung zur Täuschung der Geister: der Dämon soll den Menschen, den er peinigen will, vergeblich suchen. So wird in Borneo der Name eines kränklichen Kindes gegen einen anderen vertauscht, um die Geister, wenn sie wiederkommen, irrezuführen!; ebenso wird bei den Mongolen in Krankheitsfällen der Name des Kindes gewechselt ². Auch bei den südrussischen Judens besteht der Brauch: man nennt dann einen Knaben Alter, ein Mädchen Alte oder Babe(= Gross- mutter), und dieser Name bleibt dann für das ganze Leben; nur die nächsten Verwandten kennen den wirklichen Namen, den sie aber nie aussprechen dürfenB. Man könnte freilich mit Polle (S. 41) in Zweifel sein, ob nicht noch eine andere Vorstellung bei dem Brauch mitspielt, nämlich die oben behandelte Ansicht, dass mit dem Namenswechsel auch eine Wesensänderung eintritt, aus dem Kranken also zugleich dadurch ein Gesunder wird. Aber die Erwägung, dass bei den Südrussen so streng auf Nichtnennung des Namens gehalten wird, lässt doch die Absicht der Dämonen- täuschung als die überwiegende erscheinen, und noch andere Be- lege, bei denen es sich nicht, wie in den seitherigen Beispielen, um Kinder, sondern um Erwachsene handelt, können uns in dieser Auffassung bestärken. Im Talmud bereits wird die Namensände- rung unter den Mitteln aufgezählt, diedas böse Verhängnis des Menschen zerreissen?b. Bei den Juden kommt es in õésterreich gelegentlich noch heute vor, dass ein Kranker, der in grosser Ge- fahr schwebt, durch den Rabbiner oder einen frommen Mann einen anderen Namen erhält. Dadurch soll dem Todesengel die Ausführung seines Auftrags erschwert oder gar unmöglich gemacht werden.Derselbe hatte beispielsweise die Mission, einen Mann namens Abraham ins Jenseits zu befördern; da der Kranke jedoch infolge des neuen Namens, den er erhalten hat, Isaak heisst, darf er

1 Tylor Urgesch. 160.

² Andree 176. Ploss I 175.

³ E. Samter Geburt, Hochzeit und Tod Leipzig u. Berlin 1911 S. 107.

* vgl. S. 45, 2.

5 Löw Die Lebensalter in der jüdischen Literatur 108; M. Brück Phari- sdische Volkssitten und Ritualien 67.