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gegenüber anwenden, hielt man den wahren Namen der Schutz- göttin geheim, dessen Kenntnis natürlich für die Gegner zur Ver- wirklichung solcher Absichten unerlässlich gewesen wäre.
Aus unserer deutschen Sage sei hier nur an eine Stelle der älteren Edda(S. 294 Recl.) erinnert, wo im Anfang des Liedes vom Drachenkampf Fafner, welchem Siegfried bereits das Schwert ins Herz gestossen hat, den Helden nach seinem Namen fragt. Der aber„verhehlte seinen Namen, dieweil es bei den Alten Glaube war, eines Sterbenden Wort habe grosse Gewalt, wenn er seinen Feind, mit Namen verwünsche“.
Auch in dem deutschen Volkslied finden sich Spuren dieser Anschauung, dass man den Namen verschweigen muss, um keinem anderen die Gewalt zukommen zu lassen; so in dem ziemlich be- kannten Lied(vgl. Polle 108):
Da droben auf jenem Berge,
Da steht ein goldenes Haus,
Da schauen all Morgen und Abend
Drei schöne Jungfrauen heraus;
Die eine heisset Susanne,
Die andere Anne-Marei,
Die dritte, die darf ich nicht nennen, Die soll mein eigen sein.
Auch bei den Naturvölkern wird der Name vielfach ängst- lich geheim gehalten, und viele von ihnen kann man in keine peinlichere Verlegenheit und unangenehmere Lage bringen, als wenn man sie nach ihrem Namen fragt.„Es ist beinahe unmög- lich, einen Indianer zum Aussprechen von Personennamen zu be- wegen“ ¹1. Als der amerikanische Polarreisende Kane einst einen Indianer nach seinem Namen fragte, erhielt er die Antwort: ob er den Namen etwa stehlen wolle?? Jene Völker wachsen eben von Jugend an in dem Glauben auf, dass ihnen ein Missgeschick begegne, sobald sie ihren Namen nennen. Ausserdem findet in bestimmten Gegenden von Nordamerika, z. B. bei den Pima- Indianerns, bei dem sogenannten„Namensfest“ tatsächlich ein solches„Stehlen“ der Namen statt. Die Bewohner eines Dorfes mit kärglicher Ernte„fangen“ mittels eines Gesanges gewisser-
1 Tylor Urgesch. 179.
² Andree I 180; vgl. 302.
³ Frank Russell The Pima Indians(Report of the Bureau of Amer. Ethnol. 1904/05) Washington 1908.


