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sagt. Ja, in manchen Ländern wird, wenn ein Kind früh stirbt, dem unglücklich gewählten Namen die Schuld an dem Tode zu- geschriebenl. Gelegentlich findet sich freilich auch(z. B. in Siam, Tongking usw.) die Meinung², dass durch schöne Namen die bösen Geister auf die Kinder aufmerksam werden; um diese vor ihren Nachstellungen zu schützen, gibt man ihnen abschreckende Namen(wie Hund, Schwein, Bengel) ¹, bis sie erwachsen sind und von den Dämonen nichts mehr zu fürchten haben. Doch sind dies eben Ausnahmeerscheinungen; sonst meidet man hässliche Namen, weil man überzeugt ist, dass der Name für das Wesen und Schick- sal des Trägers von Vorbedeutung ist.
Ich kann es mir nicht versagen, hier eine Stelle aus einem englischen Roman herzusetzen, die ganz genau diesen Gedanken ausdrückt: es heisst da5b von dem Vater des Titelhelden:„Seine Ansicht in dieser Richtung ging dahin, dass gute oder böse Na- men, wie er sie nannte, auf unseren Charakter und Lebenswandel unwillkürlich eine wunderbare Zauberkraft übten, der man nicht widerstehen könne“. Er will dem Jungen durchaus den Namen Trismegistus beilegen(S. 280), weil er diesen für den glücklich- sten hält; durch eine eigenartige Ironie des Schicksals wird ihm aber gerade der Name zuteil, der für den Vater der Inbegriff alles Unheils ist: Tristram(S. 288 f.). Auch bei uns verbindet ja das Volk mit gewissen Namen und Benennungen ganz be- stimmte Vorstellungen: ein Hans ist im Märchen für gewöhnlich nicht gerade der Pächter höchster Weisheit. So schliesst auch das Märchen vom dummen Hans bei Zingerleë mit den Worten: „Ob Hansel gescheiter geworden, weiss ich nicht. Möcht es aber schon nicht gerne glauben, weil er Hansel geheissen“. Daher kommt denn auch wohl die bekannte Redensart, die als Bekräf- tigung dienen soll: Wenn das nicht so und so ist(u. dgl.), so will ich Hans(Hannes) heissen. Ganz entsprechend ist mit dem Wort Schwein für gewöhnlich die Vorstellung des Schmutzigen
¹ Ploss I 181; Wuttke 590.
² Andree 177; Ploss I 175.
² Eine ganz ähnliche Anschauung ist es, wenn es in Schlesien verpönt ist, ein Kind hübsch oder schön zu nennen, weil es dadurch„beschrieen“ wird, man muss es vielmehr„Schweinehund“ oder ähnlich anreden: Ploss I 121; Andree 177.
4 Leben und Meinungen des Herrn Tristram Shandy von Laurence Sterne, deutsch von A. Seubert Leipzig(Reclam).
5³ Kap. 19 S. 52.
³ Kinder- und Volksmärchen aus Tirol Nr. 50.


