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lutherische Landgraf von H.-D., wie sie annahm, sicher versuchen würde, Schwedens Hülfe gegen das reformierte Niederhessen zu gewinnen.
Marburg war nicht ungewarnt, als am 31. X. die nieder- hessischen Truppen unter Generalmajor Geysso die Stadt ein- schlossen. Ein vorzüglich organisierter Kundschaftsdienst, der über das heranrückende Heer sogar schon von jenseits des Mains her Nachrichten übermittelte und von dem zahlreiche Akten Zeugnis ablegen,¹) war von der hess.-darmst. Regierung unter- halten worden. Jede wichtige Nachricht wurde von den Re- gierungszentralen Giessen und Marburg sogleich an alle Amter weitergegeben, wie auch die Amter von jeder Bewegung der Kriegsvölker an die Regierung berichteten. Dass man eine Weg- nahme Marburgs befürchtete, beweist u. a. ein Konzept ohne Datum, das ungenannten Abgesandten an Geysso Richtlinien für ihre Unterhandlungen mit ihm gibt. Sie sollen ihn womöglich abhalten, überhaupt nach Oberhessen zu ziehen; stelle es sich aber heraus, dass er wirklich daran denke, dahin zu gehen und Marburg zu nehmen, so sollen sie ihm vorstellen, dass er damit die Universität zerstöre, die doch ganz Deutschland nütze, denn alle Studenten würden dann fortgehen. Am 14. X. schreibt Landgraf Georg von Giessen aus an den fürstl. Rat Malkomesius in Marburg und teilt ihm mit, dass die Niederhessen Waldgirmes verbrannt hätten, nach Wetzlar gezogen seien und dort auf weitere Ordre von Kassel warteten. Inzwischen sei ein Adjutant von dort eingetroffen und alle höheren Offiziere von Geysso zum Kriegsrat nach Wetzlar befohlen. UÜber dessen Beschlüsse sei noch nichts erkundet worden, doch sei sicher, dass eine Ab- teilung südlich nach Mainz hin aufgebrochen sei, um die mit 270 Artilleriepferden in Mannheim zurückgelassenen Geschütze zu holen. Auch aus Kirchhain kommt am 20. X. Nachricht, dass dort Artillerie zusammengezogen würde. Am 18. X. erlässt der Vizestatthalter aus Marburg den Befehl an alle Amter, dass die Bauern ihr Vieh und ihre bewegliche Habe in Sicherheit bringen sollen. Am 25. X. kommt eine weitere Nachricht, dass Geysso in Wismar, Amt Gleiberg, lagere, und vom 25. X. datiert das oben erwähnte Protokoll des Oberschultheissen über seine
1)„Kriegssachen 1645.“


