Aufsatz 
Marburg im Jahre 1645 / von Walter Kürschner
Entstehung
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grosse Mässigung gebraucht und nur Alsfeld und Kirchhain wirklich besetzt gehalten. Aber durch die Märsche der Armeen in diesem Jahr seien Teile von Niederhessen und Oberhessen so ausgesogen worden, dass sie ihre Soldaten dort nicht erhalten könne. Deshalb sei sie gezwungen gewesen, ihre aus dem Feld- zug heimkehrenden Truppen in die bisher verschonten Städte Marburg und Butzbach zu legen, ¹) damit sie sich erholen könnten und vor geplanten Angriffen darmstädtischerseits sicher seien. Doch wolle sie die Geistlichkeit und Universität von allen Lasten befreien und auch die Bürgerschaft so linde behandeln, dass sie sich nicht beklagen könne. Ausserdem würde sie binnen kurzem der Königin beweisen,²) dass die Hälfte des Oberfürsten- tums ihrem Sohn, dem Landgrafen(Wilhelm VI. 1637 63), erb- und eigentümlich zuständig sei.

Den Hauptgrund für die schon länger geplante Besetzung Marburgs ³) gibt der letzte Satz. Am. El. war damals in sehr schwieriger Lage; ihre Gesandten zu den Friedensverhandlungen wurden vom Kaiser zurückgewiesen, und ihre Ansprüche auf Marburg sollten dort nicht mit verhandelt werden. Daher suchte sie, durch Besetzung der wichtigsten der strittigen Orte ihr Recht mit Gewalt zu gewinnen, um für den zu erwartenden Friedensschluss ein Pfand in Händen zu haben. Ihre Lage war besonders heikel dadurch, dass die lutherische Königin von Schweden der damals rein lutherischen Universität in Marburg einen Schutzbrief ausgestellt hatte, und der gleichfalls streng

1) In einem Brief vom 14. XI. an Am. El. beruft sich Georg IlI. darauf, dass nach Verabredung ihm Marburg und Butzbach zum Unterhalt seiner Familie und seines Hofes von Einquartierung hätten frei bleiben müssen.(Marb. Erbschaftsstreit 1645).

2) Zu dem Zweck hatte sie sich schon am 20. IV. 1645 von der juristischen Fakultät in Paris, desgleichen von der in Leyden und am 14. VII. dess. Jahres von den Geistlichen Kassels Gutachten über ihr Anrecht auf Marburg ausstellen lassen.

3) Am. El. hatte vorher eingehende Beratungen mit ihren Räten ge- pflogen, wie Marburg wieder zu gewinnen sei, und was nach einer Wieder- eroberung zu geschehen habe, ob die Bürgerschaft huldigen müsse, wie die Universität zu behandeln sei, welche Beamte nach Marburg geschickt werden sollten u. S. W.;Marb. Erbschaftsstreit 1845 das bezeugen die Protokolle jener Sitzungen und die schriftlichen Gutachten einzelner Räte.