Aufsatz 
Marburg im Jahre 1645 / von Walter Kürschner
Entstehung
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er nicht länger aus, lieber wolle er sich die Gurgel abschneiden. Auch viele andere wünschten sich die Pestilenz oder den Tod. Während der Kriegsereignisse in Süddeutschland ist leidliche Ruhe, nur werden zweimal Kühe und Pferde nach Kirchhain abgetrieben.

Am 23. IX. meldet der Oberschultheiss die Annäherung der niederhessischen Truppen, für die 6000 Pfund Brot gebacken werden sollen. Am 22. X. werden ihnen 6000 Pfund geliefert. aber die Soldaten sind damit wenig zufrieden gewesen, wie aus einem Protokoll vom 25. X. hervorgeht, das der Oberschult- heiss und Oberwachtmeister Witte nach einer Unterredung mit Geysso in Lollar aufgeschrieben haben, ¹) wo sie wegen Schonung der Stadt mit ihm unterhandelten. Danach hätte Geysso zum Oberschultheiss gesagt, er wolle lieber des Oberschultheissen Hund als sein eigener Soldat sein, jener kriege besseres Brot zu fressen, das gelieferte sei für Schweine noch zu schlecht gewesen. Heil- mann widersprach ihm, das Brot aus Marburg sei so gut gewesen, dass die Bäcker es im Laden hätten verkaufen können, aber es sei Brot darunter gewesen, das aus andern Amtern requiriert sei, und das dort die armen Leute für sich selbst gebacken hätten. Im Laufe der Unterhaltug führt G. dann noch drohende Reden gegen Marburg, das er, wenn er wolle, schnell einnehmen könne.

Am 31. X. macht Geysso dann jene Drohungen wahr und rückt vor die Stadt, um einen Teil seiner Truppen in dieselbe in Winterquartier zu legen, wie er sagt, um den Weimarischen Völkern zuvorzukommen, die dieselbe Absicht hatten. Land- gräfin Amalie Elisabeth gibt als Grund für die Besetzung der Stadt in einem aus Kassel an die Königin Christine von Schweden gerichteten Briefe vom 20. XI. folgendes an: Schon 1631 habe Gustav Adolf bei seinem Bündnis mit Landgraf Wilhelm V. diesem das Oberfürstentum für seine Soldaten zum Quartier überwiesen. Inzwischen habe die darmstädtische Regierung sich heimlich und offen gegen Schweden, Frankreich und Hessen-Kassel feindlich bezeigt, und deshalb sei ihr vor 2 Jahren Oberhessen von neuem überlassen worden; ohne dies Quartier hätte sie ihre Truppen gar nicht durchbringen können. Bisher habe sie auch

1)Kriegssache 1645 Bd. I.