— 5—
versuchte gewaltsame Einführung der Verbesserungspunkte des Landgrafen Moritz(1592— 1627) wurde aber von Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt(1596— 1626) als Bruch dieser Klausel aufgefasst, er beanspruchte nun auch die nördàdliche Hälfte von Oberhessen mit Marburg, die südliche hatte er schon 1604 erhalten. Dieser Erbfolgestreit der beiden hessischen Linien war die Ursache, dass sie, obwohl beide evangelisch, im 30 jähr. Kriege in getrennten Lagern standen: Hessen-Darmstadt auf Seiten der Liga und des Kaisers, Hessen-Kassel auf Seiten der Schweden und Franzosen. Hessen-Darmstadt klagte zu- nächst beim Reichshofrat und erlangte am 1. IV. 1623 eine ihm günstige Entscheidung. Für die Jahre, die Marburg bei Hessen-Kassel gewesen war, sollte ausserdem eine unerschwing- lich hohe Summe an Darmstadt bezahlt werden, daher beruhigte sich Kassel bei dieser Entschoidung nicht, sondern prozessierte weiter, und 1631 schloss Wilhelm V.(1627— 37) ein Bündnis mit Schweden, dem Hessen auch nach seinem Tode unter der Regentschaft seiner Witwe, der Amalie Elisabeth(1637— 50) bis zum Ende des Krieges treu blieb. So war Marburg als Streitobjekt beider Hessen durch deren Parteinahme ein Streit- objekt aller Parteien dieses unglückseligen Krieges geworden. Zwar vom eigentlichen Krieg, feindlicher Einquartierung, Be- lagerung und Eroberung blieb es bis 1645 verschont, nachdem im März 1624 zwei Reiterregimenter liguistischer Truppen Tillys Weidenhausen und die Ketzerbach besetzt und den niederhessi- schen Oberst Winter zum Rückzug aufs Schloss und zu dessen Ubergabe genötigt hatten. Seitdem war es von hessen-darm- städtischen Truppen besetzt. Aber die Stadt musste, besonders von 1636 an, vorüberziehenden Truppen ungeheure Kontributionen zahlen und litt auch indirekt unter den Nöten des Krieges und der furchtbaren Verwüstung des flachen Landes. ¹)
Wie sah nun damals die Stadt aus? Wir sind in der besonders glücklichen Lage, ausser den schriftlichen Aufzeich-
1) Wie gross diese war, zeigt die Stausebacher Chronik des Kaspar Preis von 1636— 63, die mir im Original vorlag. Sie ist veröffentlicht in den„Fuldaer Geschichtsblättern“ 1902.


