gierigen Händen, das Weibergeklatſch und die weniger harmloſen Seiten der Menſchennatur, wie erſcheinen ſie überhaupt im ganzen 2. Teil des Fauſt aus dem Gemeinen emporgehoben: Der den Lamien nacheilende Mephiſtopheles, das Gezänke der Gelehrten, die dreiſte Borniertheit des kurzgeſchorenen Baccalaureus, der, weil er einer von den neuſten iſt, ſich furchtbar erdreuſten wird, bis zu der ironiſchen Abfertigung geologiſcher Schulmeinungen über Vulkanismus und Neptunismus, wie die prachtvoll gemeinen Dilettantenurteile über die Erſcheinung von Helena und Paris, ſind ſie nicht alle künſtleriſche Darſtellungen der gemeinen Seiten des Lebens, die jeder als naturwahr anerkennt, obgleich ſie doch über die gemeine Natur gänzlich emporgehoben ſind? Gewiß gehören dieſe Dinge mit zur Menſchennatur, und möchte man es doch ahnen, mit welcher Freundlichkeit und Liebe ſich hier eine Künſtlernatur künſtleriſch mit den Erſcheinungen des gemeinen Lebens abfand, wie ein Höherer, den uns die Erzählungen der Evangelien nahe zu bringen ſuchen, ſich in religiöſer Weiſe abfand mit den Gebrechen der Menſchheit. Wir wenigſtens möchten nicht die Verwandtſchaft verkennen, die in dieſem Abfinden von künſt⸗ leriſchem Standpunkte mit jener religiöſen Toleranz zu liegen ſcheint. Beide, Religion wie Kunſt, vermögen es ja nur dadurch, daß ſie nicht etwa das Platte und Gemeine billigen, ſondern, daß ſie von ihm zu Höherem hinaufweiſen. Weder für den Künſtler noch für den religiöſen Menſchen bedeutet es eine Erniedrigung, wenn ſie dem Gemeinen des Lebens ſich nahen; aber ſoll es der einzige Gegenſtand der Kunſt ſein?„Das Wirk⸗ liche ohne ſittlichen Bezug nennen wir gemein,“ ſagt Goethe. Die eigenſte Aufgabe bleibt es nicht. Am begreiflichſten vielleicht können wir uns machen, wenn wir zunächſt hören, was er über die Muſik ſagt:„Die Muſik iſt heilig oder profan, das Heilige iſt ihrer Würde ganz gemäß, und hier hat ſie die größte Wirkung aufs Leben, welche ſich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane ſollte durchaus heiter ſein.“ Gerade durch die Heiterkeit ſeiner Kunſt hat es Goethe verſtanden, den gemeinen Geſtalten des Lebens die Weihe der Kunſt zu verleihen, wie vor ihm Cervantes faſt mehr als Shakeſpeare, der nicht immer die derben und gemeinen Geſtalten des Lebens zu der künſtleriſchen Höhe geſtaltet wie ſeinen Falſtaff oder ſeinen Polonius. Aber wie die Muſik in der Kirchenmuſik zu etwas Höherem, über das Leben hinausgehendem hinweiſt, ſo ſoll auch die Kunſt die wahre Vermittlerin der Urphänomene für den Menſchen ſein.„Die Symbolik verwandelt die Erſcheinung in Idee“(d. h. ſie zeigt den Bezug, den ein Endliches zum Unendlichen hat, ſie deutet in dem Wirklichen, als in einem Gleichniſſe, auf das Ewige, auf die Idee hin).„Die Symbolik verwandelt die Erſcheinung in Idee, die Idee in ein Bild und ſo, daß die Idee im Bild immer
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Goethes Anschauung der Natur, die Grundlage seiner sittlichen und ästhetischen Anschauungen in Entwicklung und Wandlung / von Oberlehrer Dr. Friedrich Braß
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