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die fratzenhafteſten Eingebungen dasſelbe Recht beanſpruchen könnten als das vollendet Schöne. Die prächtigen Verſe aus dem 3. Akt des Fauſt:
Aber hüte dich zu fliegen,
Freier Flug iſt dir verſagt,
Und ſo mahnt der treue Vater.
In der Erde liegt die Schnellkraft,
Die dich aufwärts treibt,
Berühre mit der Zehe nur den Boden,
Wie der Erdenſohn Antäus biſt du alſobald geſtärkt.
Dieſe Verſe, die dem Euphorion⸗Byron zugerufen werden, drücken eine bleibende Goetheſche Anſchauung aus. In eine unklare Myſtik hat er ſich nie verirrt. Und ganz entſpricht es dieſer Anſchauung, wenn er ſagt:„Wir wiſſen von keiner Welt, als in Bezug auf den Menſchen. Wir wollen keine Kunſt als die ein Abdruck dieſes Bezuges iſt.“ Fordert er doch ſogar einmal mit d'Alton bei der Frage, wie man zu wiſſen⸗ ſchaftlichen Zwecken die Gegenſtände, namentlich organiſche Gebilde dar⸗ zuſtellen habe, wie folgt:„Nicht weniger unbegründet iſt die von einem anderen Naturforſcher ausgeſprochene Meinung, daß die Dinge nicht nach⸗ zubilden ſeien, wie ſie erſcheinen, ſondern wie ſie an ſich ſind. Es iſt ſchwer zu begreifen, was an dieſer Forderung nur verſtanden werden ſoll, da die Rede von Abbildungen iſt, die einzig anzuzeigen beſtimmt ſind, wie man ſich die Gegenſtände vorzuſtellen habe(unſere Vorſtellung aber iſt einzig und allein die Erſcheinung der Dinge), was die Dinge außer ihrer Erſcheinung an ſich ſind, kann nicht wohl ein Gegenſtand der bild⸗ lichen Darſtellung ſein.“
Die Kunſt alſo ſoll durchweg der menſchlichen Natur entſprechen. Sie darf das geringfügigſt Wirkliche darſtellen, das rein Natürliche, denn naive Gegegenſtände ſind das Gebiet der Kunſt,„ſofern ſie ſittlich gefällig ſind“,„die Kunſt ſoll ein ſittlicher Ausdruck des Natürlichen ſein.“(Vergl. Band 48„Naivität und Humor“ pag. 184 ff.)„Die Kunſt an und für ſich iſt edel, deshalb fürchtet ſich der Künſtler nicht vor dem Gemeinen. Ja, indem er es aufnimmt, iſt es ſchon geadelt. Und ſo ſehen wir die größten Künſtler mit Kühnheit ihr Majeſtätsrecht ausüben.“ Goethe erläutert in trefflicher Weiſe, wie ſehr Rafael unter den Künſtlern das Gemeine zu adeln gewußt habe, weit aber über Shakeſpeare hinaus hat Goethe gerade dieſe Fähigkeit ſelbſt beſeſſen. Wie haben in dem Schönbartſpiele des 2. Teil des Fauſt Geſtalten der gemeinen Wirklichkeit die Weihe der Kunſt erfahren. Mutter und Tochter in dem Liedchen„Mädchen, als du kamſt ans Licht“, der Trunkene mit ſeinem Liede„Sei mir heute nichts zuwider“, die Menge mit ihren


